Viel geht in diesen Tagen durcheinander, wenn von dem "Problem des Islams mit dem Westen" geredet wird. In vielen Städten der arabischen Welt und Westafrikas gehen Menschen auf die Straße und protestieren - teilweise gewaltsam - gegen die neueste Charlie-Hebdo-Ausgabe mit der Mohammed-Karikatur. Die Al-Azhar-Institution in Kairo und die Mullahs in Teheran empören sich. Doch das darf über die eigentlichen Fronten im Kampf um den richtigen Islam nicht hinwegtäuschen. Die islamische Welt hat heute weniger ein Problem mit dem Westen als mit sich selbst. Paris ist ein ferner Nebenschauplatz. Die Zentren sind in der Reihenfolge von West nach Ost: Kairo, Damaskus, Bagdad, Riad, Teheran. Dort findet das epochale Ringen über die Zukunft des Islams statt – geistig, politisch und mit Waffen.

Aus dem Westen kommen allerlei Ratschläge. Der Islam müsse endlich die Aufklärung nachvollziehen, er solle Staat und Religion trennen und derlei mehr. Das wäre alles schön, geht aber an dem vorbei, worum die Moderne des Islams eigentlich geht. Die westliche Befreiung aus der "selbst verschuldeten Unmündigkeit" (Kant) des 18. Jahrhunderts lässt sich im Zeitalter des Internets nicht wiederholen. Viele lassen sich schon lange nichts mehr vorschreiben, nicht von Schulen, Regierenden und Medien. Sie denken und surfen unabhängig und mündig im Netz – und richten sich da Parallelwelten ein. Was zum wachsenden Problem wird, wie man in Paris gesehen hat. Auch kann man nicht mit Staat und Kirche zwei Institutionen trennen, wo Hunderte solcher Institutionen existieren. Manche arabischen Staaten haben gar keinen funktionierenden Staat. Und es gibt schon gar keinen Papst, sondern eine Vielfalt an Autoritäten.

Der Kampf um die Moderne verläuft zwischen den islamistisch verfassten Großstaaten Iran und Saudi-Arabien, zwischen schiitischer und sunnitischer Interpretation des Glaubens. Er ist im vergangenen Jahr voll entbrannt zwischen dem dschihadistischen Protostaat des IS und den etablierten Nationalstaaten in Nahost. Es ist ein Kampf um Leben und Untergang, insbesondere für Saudi-Arabien. Alles moderne Erscheinungen, auch wenn uns die Methoden manchmal gestrig erscheinen. Eine weitere Frontlinie verläuft zwischen autoritären Regimen, die sich ein religiöses Mäntelchen geben, und dem politischen Islam, den Islamisten im eigentlichen Wortsinne.

In all diesen Kämpfen geht es um ein ähnlich wichtiges Gut, um das man in Europa in den Religionskriegen rang: nämlich um die Macht und nochmals die Macht. Religion ist das Vehikel. Wenn die IS-Dschihadisten behaupten, alle müssten sich in Säcke hüllen wie zur Zeit des Propheten, geht es ihnen nicht um den Sack, sondern um die Macht, den Sack zu dekretieren. Dafür schlachten sie den an mehrdeutigen Empfehlungen reichen Koran gnadenlos aus.

Verwirrende Zeiten: Wofür soll sich ein politisch engagierter gläubiger Muslim heute entscheiden? Er kann wählen zwischen dogmatisch-islamistischen Angeboten aus Riad und Teheran, zwischen dem Polizeiknüppel-Islam eines Abdel Fattah al-Sissi in Kairo und den Blutorgien der Dschihadisten in der Levante. Eine große Leerstelle ist entstanden, seit die Muslimbrüder in Ägypten von der Macht weggeputscht wurden. Sie wurden von allen bekämpft: von den Saudis und Sissis, von Iranern und Dschihadisten. Weil der politische Islam eine zu scharfe Konkurrenz für sie alle war.

Als die Muslimbrüder nach den arabischen Aufständen in Regierungsämter gewählt wurden, waren die Dschihadisten schwach und zerstritten. Heute ist es umgekehrt. Muslimbrüder versus Dschihadisten – das ist die Alternative zwischen Politik und Krieg. Manche im Westen fürchteten sich vor den Muslimbrüdern. Sie schauten auf der Suche nach dem Feind in die falsche Richtung.

Die Frage, in welchem Verhältnis Politik und Religion, Staat und Glaube, Koran und Gegenwart in Nahost zueinander stehen, wird ohne die vielen Bewegungen des politischen Islam nicht entschieden werden. Sie müssen sich weiterentwickeln und Teil der großen Debatte von Säkularen, muslimischen Liberalen, Salafisten und Reformdenkern sein. Derzeit ist dafür nur in Tunesien eine kleine Chance sichtbar. An allen anderen Orten weiß die Konkurrenz, diese Entwicklung zu verhindern: Denn der politische Islam braucht Wahlen und freien Wettbewerb, nicht Waffengänge.