Es fällt ungeheuer schwer, das Entsetzen über den Terroranschlag von Paris und die Trauer um die Opfer in angemessene Worte zu fassen. Ebenso schwer fällt es, eine angemessene Antwort auf das Warum dieser sinnlosen Gewalt zu geben. Darum möchte man in diesem Augenblick der Ohnmacht am liebsten kurz innehalten und wieder zur Besinnung kommen.

Doch einige in Politik und Medien wissen wieder einmal sofort und allzu genau, was in diesem Moment am besten gedacht und getan werden sollte. Und wer – neben den Tätern – noch Schuld an diesem furchtbaren Verbrechen trägt: der Islam und alle, die die von dieser Religion angeblich ausgehenden Gefahren verharmlosen.

Bei manchem ist diese Wut durchaus verständlich und menschlich nachvollziehbar. Bei vielen aber entspringt sie bloßem Kalkül, einer eiskalten Berechnung. Die deutschen islamfeindlichen Pegida-Organisatoren zum Beispiel sagen, sie würden ja bereits seit Monaten vor der muslimischen Einwanderung warnen und bauen jetzt darauf, dass ihre Montagsdemonstrationen noch mehr Zulauf erhalten. Die rechtsextreme französische Politikerin Marine Le Pen, Chefin des ziemlich mächtigen Front National, würde die islamistischen Mörder von Paris am liebsten guillotinieren und fordert für diesen Fall ein Volksbegehren zur Wiedereinführung der Todesstrafe. 

"Wir sind im Krieg"

Andere rufen nach einer großen politischen und religiösen Auseinandersetzung mit dem Islam. Und die konservative französische Tageszeitung Le Figaro schreibt: "Wir sind im Krieg!" Die Verharmloser sollten endlich schweigen, es sei höchste Zeit, den "verdrehten Humanismus und Anti-Rassismus" zu verabschieden. "Unsere erste Pflicht im Krieg ist Einigkeit," so Le Figaro. "Die zweite Pflicht ist es, uns zu bewaffnen."

Auf ähnliche Stimmen stößt man in vielen Ländern Europas. Die bayerische CSU forderte soeben auf ihrer Tagung als Antwort auf den Anschlag eine unverzügliche Verschärfung der Strafgesetze und warnte davor, die Pegida-Bewegung auszugrenzen und die islamistische Bedrohung auf die leichte Schulter zu nehmen. Selbst im ziemlich islamfreien Norwegen, jenem Land, das Jahr für Jahr den Friedensnobelpreis verteilt, gibt es inzwischen Pegida-Anhänger. Am Montag wollen sie zum ersten Mal in der Hauptstadt Oslo demonstrieren. Die nach dem Pariser Attentat an so vielen europäischen Orten beschworene Einigkeit scheint äußert brüchig. Europa droht sich im Schatten des islamistischen Extremismus selbst zu radikalisieren.

Gotteslästerung als zivilisatorische Errungenschaft

Das Feindbild der Islamisten ist einfach und klar: Es ist der Westen, vor allem seine Permissivität, sein angeblicher Werterelativismus und seine Expansions- und Dominanzgelüste. Ebenso klar und einfach ist das Feindbild von Pegida & Co.: der Islam, seine angebliche Rückständigkeit und seine religiöse, kulturelle und soziale Unverträglichkeit mit dem aufgeklärten Westen – und ebenso sein angebliches Expansions- und Dominanzstreben.

Doch zum Glück sind viele, wohl die meisten Menschen für diese einfach gestrickten Feindbilder bislang nicht anfällig. Die Welt und die Realität sind dafür eben viel zu kompliziert. Man muss sich nur einmal die Profile der Attentäter von London, von Madrid, Boston oder Paris ein wenig genauer anschauen und stößt dabei auf eine erstaunliche gemeinsame Phänomenologie. Nicht dass sie die Gräuel und die Gefahr irgendwie relativieren oder gar entschuldigen würde: Oft handelt es sich um gebrochene Biografien, viele islamistische Attentäter sind in unserer westlichen Gesellschaft aufgewachsen und haben deren Freiheiten weidlich genossen. Sie haben Alkohol getrunken, gekifft, Frauen kennengelernt. Irgendwann kamen sie mit ihrer Identität und ihrem Leben nicht mehr zurecht, sie gerieten mit dem Gesetz in Konflikt, strauchelten und suchten am Ende Halt in einer extremen Variante ihrer Religion. Das mag banal klingen, ist aber wahr.

Es gibt sehr viel, das sich am Islam kritisieren lässt und das einem eher säkularen, aufgeklärten Menschen nicht nur fremd, sondern ganz und gar unsympathisch ist. Und eine Religion wird immer dann zum Problem, wenn sie einen Absolutheitsanspruch erhebt, wenn sie sich über die weltliche Herrschaft erhebt und keinen Zweifel und keine Kritik an sich zulässt. Wenn sie ausgrenzt und diffamiert und sich zum Richter und Exekutor aufschwingt. Nach all den Kreuzzügen, Inquisitionen und Religionskriegen ist Gotteslästerung in der Tat eine große zivilisatorische und freiheitliche Errungenschaft.

Unsere Werte nicht preisgeben

Doch es wäre fatal, als Folge islamistischer Terrorangriffe mit dem Islam insgesamt abzurechnen und diese große, alte Weltreligion für ihre Extremisten, ihre Irrlichter und Abarten in Haftung zu nehmen. Schließlich wird auch nicht das gesamte Christentum für seine Extremisten zur Verantwortung gezogen, die etwa in Amerika mit der Bibel in der Hand Frauenärzte ermorden, weil sie eine Abtreibung vornehmen. Oder die in Afrika angeblich auf Gottes Geheiß von Staats wegen Homosexuelle einkerkern und hinrichten. Auch wird nicht dem gesamten Judentum die Schuld dafür zugeschoben, dass einige ihrer Glaubensangehörigen unter Berufung auf ihre Religion brutale Terrorakte an Palästinensern verüben.

Nichts hassen und verachten diese Terroristen mehr, als unsere in harten Kämpfen errungenen westlichen Werte, unsere Errungenschaften, Überzeugungen und Freiheiten. Sie allerdings verteidigen wir nur dann erfolgreich und nachhaltig, wenn wir genauso weiter frei und ohne Angst handeln, reden, schreiben und zeichnen, denken, leben und lieben wie bisher. Wenn wir unsere Grundrechte standhaft und unnachgiebig verteidigen und es nicht dulden, dass an diesen Prinzipien aus falsch verstandener kultureller oder religiöser Rücksichtnahme Abstriche gemacht werden. Lassen wir uns allerdings einschüchtern, werden wir verzagt und weichen zurück, dann gewinnen die Islamisten.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben sich die Vereinigten Staaten radikalisiert und ihre eigenen Werte preisgegeben. Dieser Verrat hatte und hat immer noch einen enorm hohen Preis. Das sollte Europa eine Lehre sein.