Eine Fotomontage macht gerade im Internet die Runde: In der Mitte der französische Präsident François Hollande (Parti Socialiste), zwei Hände über dem Mund, links neben ihm sein Premierminister Manuel Valls, zwei Hände über den Augen, rechts der Vorsitzende der konservativen UMP Nicolas Sarkozy, zwei Hände auf den Ohren. Frei nach der Vorlage der berühmten drei Affen. Darüber steht in fetten Großbuchstaben: Menaces islamistes: Parlons-en! Islamistische Bedrohungen: Lasst uns darüber sprechen!

Gaëtan Dussausaye findet, die Montage ist richtig gut gelungen. Seit Oktober ist der 20-jährige Student der Vorsitzende des Front National Jeunesse (FNJ), der Jugendorganisation des Front National. Er hat sein Masterstudium abgebrochen und ein Büro in der Parteizentrale in Nanterre bezogen, seine Priorität heißt jetzt Marine Le Pen.

"Bitte", hatte Elsa Wolinski, die Tochter des getöteten Charlie-Zeichners Wolinski am Sonntag in einem Fernsehinterview gesagt, "bitte wählt jetzt nicht alle Le Pen". Das wäre eine furchtbare Reaktion auf das Attentat, denn Charlie Hebdo habe die extreme Rechte immer bekämpft.

Aber Marine Le Pen sprang sofort in die Lücke. Sie war die erste, die nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo lautstark politische Konsequenzen forderte. Sie stilisierte sich zum Opfer der Parteipolitik, zur 13. Fee, die nicht zur großen Demonstration am Sonntag in Paris eingeladen wurde. Zur Kassandra, die seit Jahren vor den Gefahren islamistischen Terrors warnt und der niemand zuhören wollte. Und außerdem, betont sie immer wieder, sei sie die einzige, die sich traue, die Dinge beim Namen zu nennen.

Sie wird auch nicht müde, "mir wollte ja keiner glauben", in die Kameras zu sagen. Immer und immer wieder. Schon lange fordert sie, das Schengener Abkommen außer Kraft zu setzen, die Immigration nach Frankreich strenger zu begrenzen, mehr Geld für Polizei, Geheimdienste und Militär auszugeben. 2017 will Le Pen Präsidentin von Frankreich werden. Jetzt versucht sie diejenige zu sein, die Antworten geben kann auf Frankreichs derzeit größte Frage: "Wie konnte das passieren?"

"Ich bin nicht Charlie"

Von parteiübergreifender nationaler Einheit hält sie nichts. Sarkozys Vorschlag, eine Kommission aller Parteien zu gründen, um nach den vergangenen Tagen gemeinsam über die nächsten Schritte zu entscheiden, lehnte sie ebenso ab, wie den großen Marsch am Sonntag zu dem fast zwei Millionen Pariser und 50 Staats- und Regierungschefs nach Paris gekommen waren. Le Pen zeigte stattdessen Präsenz in der südfranzösischen FN-regierten Kleinstadt Beaucaire und rief alle ihre Wähler und Unterstützer auf, Paris ebenfalls fern zu bleiben. Marine Le Pens Vater, der Parteigründer Jean-Marie Le Pen hatte sich auch sofort von Charlie Hebdo distanziert, "ich bin nicht Charlie und alle die so tun, sind doch in Wahrheit nur charlots", also Clowns. 

Die Frontisten stilisieren sich nämlich zum Gegengewicht des Establishments, als "einzige Alternative". Den großen Parteien UMP und PS wirft Marine Le Pen Unfähigkeit vor. Beim FN spricht man nur noch von "UMPS". "Sie trauen sich seit Jahren nicht zu handeln", sagt sie trotzig in einem Interview. Sie trifft einen Nerv. Die Arbeitslosigkeit steigt, das Land kommt auf keinen grünen Zweig, die Kriminalität in den Vororten nimmt zu. Weder die Konservativen unter Sarkozy noch die Sozialisten unter Hollande bekommen Frankreich in den Griff. Jetzt müsse das Land die Konsequenzen tragen, behauptet Le Pen. Auf den Pariser Straßen hat man in den vergangenen Tagen ähnliche Äußerungen gehört.