Am liebsten würde man den Attentätern von Paris ins Gesicht schreien, dass ihre irre Tat nichts bewirken wird, gar nichts. Aber das stimmt nicht. Im schlechteren Fall schüchtert uns dieser Angriff auf die europäische Pressefreiheit ein, im besseren Fall weckt er uns auf.

In den vergangenen Monaten haben wir uns unablässig mit der Krise unserer Branche beschäftigt, mit Auflagen und Klicks, mit dem Verhältnis von Print und Online, zuletzt auch viel mit dem permanenten Shitstorm gegen die "Lügen- und Mainstreampresse". Diese Diskussionen waren weder überflüssig noch werden sie nach dem 7. Januar 2015 aufhören. Doch vielleicht hat all das uns vom Wesen unserer Arbeit und der Würde unseres Berufs mitunter abgelenkt. Und von den Gefahren, die damit verbunden sind, nach der Wahrheit zu forschen, seine Meinung zu sagen und der Intoleranz Schmerzen zuzufügen, wie das in drastischer – und man muss jetzt sagen: todesverachtender Weise Charlie Hebdo getan hat.

Zeitungen, Nachrichtenportale, Radio und Fernsehen sind die Werkzeuge der Wahrheit und die Medien des großen, immerwährenden Selbstgesprächs unserer demokratischen Gesellschaft, sie verwandeln Aggression in Argumente, Feinde in Gegner, Vorurteile in Urteile, Entfremdung in Bekanntschaft; sie testen Grenzen aus, bisweilen Schmerzgrenzen. Auch letzteres müssen Medien tun dürfen. Zum Stil von ZEIT und ZEIT ONLINE gehört diese Art des verletzenden und blasphemischen Journalismus nicht, zu unserem liberalen Wesen aber gehört, dass Satire, auch verletzende in der Demokratie ausgehalten werden muss und unter keinen Umständen von Repression oder gar Mord bedroht sein darf. Schrecklich, das überhaupt aussprechen zu müssen.

Wenn die Medien ihre Funktion erfüllen sollen, dann müssen sie plural sein, also sehr verschiedene Standpunkte vertreten. Mit einer Ausnahme: Zeitungen können, wenn sie denn demokratisch sind, gar nicht anders, als jederzeit, für alle und überall die Freiheit der Meinungsäußerung zu fordern und jene anzuprangern, die sie verweigern. Das gilt für gewalttätige Islamisten ohnehin, ebenso aber etwa wie für die chinesische Regierung, die noch immer unsere Mitarbeiterin Zhang Miao gefangen hält und für die arabischen Regime, die all jene Menschen in der Region bedrohen, mit denen wir journalistisch zusammenarbeiten. So sehr der Anschlag von Paris uns erschüttert, so sehr wir intern auch über unsere Ängste sprechen, so sehr verspüren wir nun etwas, das sich sonst nur selten einstellt und auch zu normalen Zeiten beileibe kein Thema ist: der Stolz, Journalist zu sein.

Die Pariser Untat, aber auch der oft hysterische Kampf gegen die freiheitliche Presse, überhaupt die neuerdings schnell wachsende Intoleranz gegenüber allem Offenen, Widersprüchlichen, Fremden erinnern uns daran, dass die Presse und die Demokratie eben keine feststehenden Institutionen sind, sondern fluide, verletzliche, letztlich auf Vereinbarung und täglicher Übung beruhende Handlungen von Menschen. Es ist nicht da, wir machen es oder wir lassen es verkommen. Den Intoleranten, den Fremdenfeindlichen und Lügenpressehassern sei also gesagt: Wir sind da, wir sind wach, wir machen weiter