Anschläge in Frankreich - Hunderttausende gedenken Attentatsopfer

Das Bild ist durchaus eines historischen Tages würdig: Der französische Präsident François Hollande schreitet voran, links hat er Angela Merkel untergehakt, rechts klemmt er Jean-Claude Juncker unter, nein, nach anfänglichen Wirren doch den malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta. Wer Symbole möchte, kann diese Bilder interpretieren. Weiter in der Kette folgen bei diesem republikanischen Marsch zum Gedenken an die Terror-Opfer der vergangenen vier Tage Benjamin Netanjahu aus Israel, der EU-Ratspräsident Donald Tusk aus Polen und der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Neben ihnen die Staatschefs aus Großbritannien, Spanien und etwa 40 weiteren Ländern sowie Vertreter eigentlich aller großen Weltreligionen und die Angehörigen der Toten.  

Hinter ihnen folgen mehr als anderthalb Millionen Menschen. Sie alle bildeten heute in den Augen Hollandes "die Hauptstadt der Welt".

Etwas zu spät waren die offiziellen Vertreter vom Rathaus des XI. Arrondissements gestartet, sodass sich die Abertausenden auf und um die Place de la République noch gedulden mussten, ehe sie gegen halb vier Richtung Place de la Nation aufbrechen konnten, dem Endpunkt des Gedenkmarsches. Bereits um zehn Uhr am Vormittag hatten sich die ersten paar Hundert hier eingefunden, kauften noch französische Fahnen von einem der fliegenden Händler und skandierten im Wechsel "Je suis Charlie", "Vive la France" oder sangen die Marseillaise. Es war eng geworden. Alle Zugänge zum Platz und zu den zwei Marschrouten hatte die Polizei abgesperrt. Wer dort war, würde ausharren müssen.

Sie träumen von einem einigen Frankreich

Am Mittwochabend, dem ersten noch spontanen Zusammenkommen der geschockten Pariser nach dem Attentat in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, hatte an dieser Stelle tiefes Schweigen geherrscht. Am Donnerstag hatte man bereits die kämpferischen Verse der Marseillaise angestimmt. Freitag war ein Tag der Angst, der erneuten Geiselnahmen und schließlich der Erleichterung, als es vorbei war. Heute, zum offiziellen Trauermarsch, den hier alle la marche républiquaine nennen, herrscht unter den Wartenden so etwas wie verhaltene Freude am Erleben dieser gewaltigen Einigkeit. Von une France unie – einem einigen Frankreich – träumen hier heute die allermeisten.

Sie fühlen sich als Charlie im Gedenken an die Redaktionsmitglieder, als flic im Gedenken an die drei ermordeten Polizisten, als Juden im Gedenken an die ermordeten Geiseln und als Araber, weil die jetzt in Frankreich möglicherweise noch mehr unter Ausgrenzung zu leiden haben werden.

"Ich bin überrascht, dass ich hier so wenige Araber sehe", sagt ein junger Krankenpfleger. Er ist von außerhalb mit der Zug in die Innenstadt gekommen, wie immer saßen darin auch viele Migranten. Auf dem Platz nun und auf der Avenue Voltaire sehe er hingegen viel weniger als sonst. So wird eine junge Frau mit Kopftuch von Journalisten-Kollegen gleichsam umlagert, als sie wirkungsvoll in eine Kamera lächelt und ruft: "Ich liebe Frankreich!" Als sie gefragt wird, woher sie komme, reagiert sie etwas unwirsch: Sie sei Muslimin. Das sei eine Religion und habe nichts mit ihrer Herkunft zu tun.

Ganz ähnlich geht es einem Vater mit seiner Tochter, der an einer improvisierten Fahnenstange die israelische Fahne mit dem Davidstern hochhält. Die habe hier heute doch nichts zu suchen, spricht ihn eine gepflegte ältere Dame an. Nun ja, lenkt der Vater ein, das sei heute eben das Symbol für seinen jüdischen Glauben. Es gibt ein kurzes Hin und Her darüber, ob Religionen Ländern zugeordnet werden müssen, bevor Umstehende eingreifen und sagen: "Heute darf jeder seine Meinung frei äußern." Darauf können sich dann alle einigen und die Dame lässt sich von der Menge in eine andere Richtung treiben. Man ahnt: Diesem historischen Tag wird es wie jedem anderen ergehen: Er wird bald vorübergegangen sein.

EU-Staaten wollen enger zusammenarbeiten

Heute Vormittag hatte der französische Innenminister Bernard Cazeneuve im Elysée-Palast seine europäischen Kollegen und den amerikanischen Justizminister Eric Holder zu einem Krisengespräch empfangen, um sich gemeinsam zu fragen: Was können wir tun, um dem Terror vorzubeugen? Erstes offizielles Ergebnis: Die Regierungen in den EU-Staaten wollen den Austausch über Reisebewegungen von Dschihadisten verbessern. So soll künftig im Schengener Informationssystem vermerkt werden, wenn ein mutmaßlicher islamistischer Kämpfer Europas Außengrenzen überschreitet und später aus Ländern wie etwa Syrien oder dem Irak zurückkehrt. Am 18. Februar wollen die Teilnehmer ihr Gespräch in den USA fortsetzen, denn, so ahnt Cazeneuve: "Der Terrorismus, wie wir ihn in Frankreich erlebt haben, betrifft alle Demokratien."