Folgt man den Analysen der Mehrheit westlicher Politiker und Medien, dann sind die Ukraine-Krise und Moskaus offener Bruch des Völkerrechts Ausdruck von Russlands Aggression und Putins Machthunger. Doch dieses Narrativ, das den neuen Kalten Krieg schon denkt und einen neosowjetischen Wiedergänger wähnt, wird weder der Komplexität des Konflikts gerecht, noch kann es zu einer Deeskalation beitragen. Ebenso wenig werden eine Dämonisierung Putins und ein Sanktionsregime, das die russische Wirtschaft in den Bankrott zu zwingen droht, zu einer Annäherung und konstruktiven Gesprächen führen. Mehr noch: Die aktuelle Politik gegenüber Russland bedient und bestätigt all jene Mechanismen, Ängste und Bedrohungsszenarien aufseiten Moskaus, die für den Ausbruch dieser Krise (mit) ursächlich waren.

Moskau sieht sich von der Nato und den USA bedroht. Wer diese These vertritt, hat einen harten Stand, das musste nicht zuletzt Altbundeskanzler Helmut Schmidt feststellen. Wer Russlands Politik zu verstehen versucht, wird schnell zum Putinversteher – aus einer Kernkompetenz der politischen Analyse wird ein Schimpfwort, das Kumpanenschaft vermutet und die Rechtfertigung des Völkerrechtsbruchs unterstellt. Beides ist falsch, beides ist infam.

Dennoch: Russland reagiert auf eine wahrgenommene Bedrohung vor allem durch die Nato-Osterweiterung. Die jüngst erneuerte russische Militärdoktrin, in der die Nato ausdrücklich als größte Bedrohung der nationalen Sicherheit genannt wird, ist ein Beleg dafür.

Die Wahrnehmung einer Bedrohung – das ist zentral – ist unabhängig von den tatsächlichen Ambitionen des Akteurs, von dem sie vermeintlich ausgeht (der Nato oder der USA in diesem Fall). Die Behauptung von Nato-Sprecherin Oana Lungescu, das Bündnis stelle "weder für Russland noch für irgendeine andere Nation eine Gefahr dar", mag insofern richtig sein, als dass die Nato vermutlich tatsächlich keine offensiven Pläne gegenüber Russland hat. Nur kann Russland die Politik der Nato anders wahrnehmen und anders bewerten: als Offensivmaßnahme und Bedrohung. Zumal die Nato sich in ihrer jüngeren Geschichte weniger als Verteidigungs- denn als Interventionsbündnis positioniert hat.

Dass Bedrohung subjektiv ist, demonstrierte uns beispielhaft die Kubakrise. In jenen 13 Tagen im Oktober 1962 stand die Welt zum ersten Mal am Abgrund des atomaren Weltkriegs. Und das nur, weil beide Seiten – die USA und die Sowjetunion – die Politik des jeweils anderen als Bedrohung und potenzielle Vorbereitung zum Angriff interpretierten. Wie wir heute wissen, waren weder die US-Atomraketen in der Türkei noch die sowjetischen Atomraketen auf Kuba Angriffswaffen. US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow sahen in den Raketen der anderen Seite aber jeweils eine schwerwiegende Bedrohung. Ein Missverständnis, das beinahe im Krieg geendet wäre.

Kein gemeinsames Haus Europa

Dass die Nato-Osterweiterung für Moskau eine Bedrohung und einen Anlass für große Sorge darstellt, wissen die westlichen Nato-Staaten, wissen die USA und Deutschland seit 1989. Noch am Vorabend der Wiedervereinigung Deutschlands versicherten Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Bundeskanzler Helmut Kohl ihren sowjetischen Gegenüber, Eduard Schewardnadse und Michail Gorbatschow, das belegt Archivmaterial, dass es keine Osterweiterung geben werde. Wohlgemerkt: Damals ging es nur um Ostdeutschland.

In den folgenden Jahren wurden die Ideen Gorbatschows von einem "gemeinsamen Haus Europa" oder gar einer pan-europäischen Sicherheitsgemeinschaft, in der Russland integrales und gleichberechtigtes Mitglied sein sollte, nicht nur nicht realisiert, sie verkehrten sich ins Gegenteil: in ein exklusives, westeuropäisches und vor allem militärisches Konstrukt, in dem frühere Mitglieder des Warschauer Pakts und der Sowjetunion plötzlich auf der anderen Seite standen – der des Westens – und der Nato beitraten. Territorial rückt die Nato damit immer näher an die Macht- und Interessenssphäre Moskaus heran. Was die USA, wie John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt, zwei führende US-amerikanische Vertreter der neorealistischen Denkschule, kürzlich angemerkt haben, nicht toleriert hätten. Auch dafür mag die Kubakrise als historischer Beleg gelten.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 machte Putin seine Sorge und seinen Ärger öffentlich. Er stellt klar: Die Nato-Osterweiterung ist eine Bedrohung der nationalen Sicherheit Russlands. Damals verhallten seine Worte ungehört. Auch die Worte Chruschtschows verhallten vor der Kubakrise ungehört; wiederholt hatte sich der sowjetische Regierungschef über die Stationierung der amerikanischen Jupiter-Raketen in der Türkei beklagt; es seien Offensivwaffen und damit eine Bedrohung der Sowjetunion. Kennedy hielt an der Stationierung fest, was einer der Gründe für die Stationierung der sowjetischen Raketen auf Kuba war. Bemerkenswert ist in beiden Fällen, wie leichtfertig die Sicherheitsinteressen Moskaus ignoriert wurden.