Einschussloch am Tatort des Attentats auf "Charlie Hebdo" in Paris © Jacky Naegelen/Reuters

Wahnsinnige sollen die Terroristen aus Paris sein, von blindem Hass zerfressen, rationalen Argumenten nicht zugänglich. So zumindest werden sie in den westlichen Medien oft dargestellt. Diese Perspektive übersieht, dass Terrorismus eine zielgerichtete Strategie ist, die rational gut zu beschreiben und inhaltlich nachvollziehbar ist – genauer gesagt eine Kommunikationsstrategie, die ebenso wie Werbung versucht, bestimmte Zielgruppen durch ihre Botschaften zu Verhaltensänderungen zu bewegen.

Auch der Anschlag auf Charlie Hebdo ist keine Ausnahme. Ihn lediglich als Racheakt zu charakterisieren, wäre zu kurz gegriffen. Vielmehr bedient sich der Anschlag einer Methode, die nicht zuletzt von Osama bin Laden propagiert wurde. Das Perfide: Um die Karikaturisten von Charlie Hebdo selbst geht es dabei nur in zweiter Linie.

Die Kommunikationsstrategie der Terroristen beginnt mit ihrem Weltbild. Demnach muss der Islam befreit werden, weil er derzeit vom Westen bedroht wird – eine Theorie, für die es nicht an Belegen mangelt. Die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Drohnenangriffe in Pakistan und im Jemen oder die Unterstützung Israels trotz der Operationen im Gazastreifen: Tatsächlich werden viele Muslime durch westliche Militäraktionen bedroht, mögen diese nun sicherheitspolitisch gerechtfertigt sein oder nicht. Die Karikaturen sind in diesem Zusammenhang einerseits ein direkter Angriff auf den Islam, indem etwas Heiliges "geschändet" wird, andererseits dienen sie als Beleg für die globale Auseinandersetzung zwischen Westen und Islam, in der die Zeichner von Charlie Hebdo durch die Karikaturen von Statisten zu Akteuren werden.

Auf dieser Bühne spielt sich dann die Kommunikation der Terroristen ab – mit dem Anschlag auf die Redaktion. Das Attentat ist ihr wichtigstes Kommunikationsinstrument, das allerdings aus kommunikativer Perspektive einen Nachteil hat: Der Terror-Anschlag an sich ist wie ein Bild, also wirkmächtig, aber vielseitig interpretierbar und ungenau in seiner Aussage. Wenn Terror-Attentate nicht mit Bekennerschreiben oder anderen Texten erklärt werden, können sie leicht missverstanden oder aktiv fehlgedeutet werden, etwa von Politikern. Legendär ist der Schlagabtausch zwischen Osama bin Laden und George W. Bush, der den Terroristen vom 11. September zuschrieb, "unsere Freiheit zu hassen". Bin Laden antwortete darauf: "Anders als Bush behauptet, hassen wir die Freiheit nicht. Wenn es so wäre, warum haben wir dann nicht zum Beispiel Schweden angegriffen? Wir kämpfen, weil wir freie Männer sind, die ihre Unterdrückung nicht akzeptieren."

Bin Laden meinte mit der Unterdrückung vor allem die amerikanische Militärpräsenz im Nahen Osten, etwa in Saudi-Arabien, und drohte mit weiteren Anschlägen, sollten sich die USA nicht zurückziehen. In diesem Sinne war der 11. September nur der Beleg dafür, dass weitere Attentate stattfinden können, sollte der Westen nicht seine Truppen aus dem Nahen Osten abziehen. In der Werbesprache nennt man dies einen Reason Why, einen Beweis für die Botschaft: Der Grund, warum man die Warnung vor weiteren Attentaten glauben soll, ist der Fakt, dass es bereits in der Vergangenheit Anschläge gegeben hat.

Das Ziel der Terroristen von Paris ist da schon einfacher zu verstehen – eben weil sie nicht, wie sonst im Terrorismus üblich, Unbeteiligte zu Opfern gemacht haben. Stattdessen haben sie sich gegen die Karikaturisten und damit gegen Menschen gewandt, die aus ihrer Sicht eine aktive Rolle im Kampf zwischen Westen und Islam eingenommen haben. Die Botschaft der Terroristen: Wer Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, muss mit dem Tod rechnen. Ihr Ziel: dass diese Botschaft Journalisten so viel Angst macht, dass sie künftig auf solche Publikationen verzichten. Gut möglich, dass die Strategie Erfolg hat.