Inzwischen ist es ein Gemeinplatz zu sagen, dass nicht alle Muslime Terroristen sind. Wie auch? Es gibt 1,5 Milliarden von ihnen auf der Welt. Davon sind rund zehn Prozent Schiiten; sie waren an keinem der mörderischen Anschläge beteiligt, die wir seit dem Angriff auf die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Center erlebt haben. 90 Prozent sind Sunniten, die allermeisten moderate, tolerante, der Gewalt abschwörende Muslime; nur etwa 3 Prozent sind den puritanischen Salafisten zuzurechnen, auf deren Konto die Gewalttaten der jüngsten Zeit gehen.

Doch reicht es nicht aus, den Islam bloß beruhigend für friedliebend zu erklären. Nur wenige Muslime sind Terroristen, aber die meisten Terroristen, die uns seit einigen Jahren den Schlaf rauben, sind Muslime, die sich bei ihren Untaten auf ihren Glauben berufen und in dessen Namen zu handeln vorgeben. Sie mögen den Koran missverstehen, ihn überhaupt nur schlagwortartig kennen oder sich nur die Stellen herauspicken, die zum Dschihad, dem Glaubenskrieg auffordern ("so viel ihr an Streitmacht und Schlachtrossen aufbieten könnt"), zur Vernichtung der Ungläubigen ("Allah will, dass die Wurzel der Ungläubigen ausgerottet werde"), zur Unterordnung der Frauen ("Die Männer stehen über den Frauen"), die Ablehnung der Homosexualität ("Wollt ihr euch wirklich in Sinnenlust mit Männern statt Frauen abgeben?"). Indessen ignorieren sie die Sure 5,32; "Wenn jemand einen Menschen tötet, ... so ist es so, als hätte er die ganze Menschheit getötet."

Und so tobt sich der islamische Dschihadismus allenthalben blutig aus. In Afghanistan morden die Taliban jeden Tag Polizisten, Soldaten, Zivilisten. Der pakistanische Taliban-Ableger massakrierte im Dezember 135 Schüler einer Armeeschule. Im terrorgeschüttelten Jemen hat die Al-Kaida der Arabischen Halbinsel (AQAP), die für den Anschlag auf Charlie Hebdo die Verantwortung übernommen hat, am Tag des Angriffs auf das Pariser Satiremagazin per Autobombe 37 Menschen umgebracht – 2014 waren es 7.000. In Syrien und im Irak begeht die Kopf-ab-Miliz des "Islamischen Staats" (IS) Tag für Tag unvorstellbare Gräueltaten. Seit acht Jahren terrorisiert Al-Shabaab, eine Filiale der Al-Kaida, nicht nur Somalia, sondern auch das benachbarte Kenia. Die Kämpfer der islamistischen Sekte Boko Haram haben 2014 bei ihren Überfällen auf Christen wie Muslime in Nigeria Hunderte von Menschen getötet; die von ihnen im April entführten 230 Schülerinnen des Dorfes Chibok sind bis heute nicht wieder aufgetaucht; der nigerianische Staat wie die Nachbarstaaten Kamerun und Tschad sind bis in die Grundfesten erschüttert. Paris ist überall.

Zwei Fragen stellen sich angesichts des grenzenlosen Dschihad-Terrorismus.

Erstens: Wie kommt es, dass junge Leute um ihres Glaubens willen töten? Dass sie die Mahnung in den Wind schlagen, die sich ja auch im Koran findet: "Richtet auf Erden kein Unheil an"? Ist es schiere soziale Frustration, dass sie zur Kalaschnikow greifen? Das berechtigte oder unberechtigte Empfinden, dass sie gesellschaftlich ausgeschlossen werden? Dass ihnen der Aufstieg durch Leistung versagt bleibt? Eine Jugendrevolte also? Ist es eine Flucht aus der geistigen Heimatlosigkeit in die Gewissheiten einer militanten Sekte, in die wahnhafte Sinnhaftigkeit einer gewalttätigen, ja: todbringenden Mission? Könnte reine Abenteuerlust eine Rolle spielen, wie sie früher junge Männer in die Fremdenlegion trieb? Oder bündelt sich dies alles in der Motivation zum Ausstieg aus der Bürgerlichkeit und zum Einstieg in den Terror? Auf die Antworten der Politologen, Soziologen und Psychologen bin ich gespannt.

Die zweite Frage ist mir wichtiger: Wie sollen die liberalen Demokratien des Westens auf die dschihadistische Herausforderung reagieren? Die französische Regierung reagiert jetzt wie einst George W. Bush auf 9/11: Krieg dem Terror! Solange dies nur metaphorisch zu verstehen ist, mag es hingehen. Doch sollten wir uns nichts vormachen: Es geht nicht um einen Krieg. Es geht primär um eine langwierige Polizeiaktion. Es geht darum, die sozialen Gegebenheiten zu verändern, die dschihadistische Militanz heraufbeschwören kann. Vor allem jedoch geht es darum, den geistigen Humus auszutrocknen, auf dem sie entsteht und gedeiht. 

Hier aber kommt Saudi-Arabien ins Spiel. Die Saudis haben das Monster des Salafi-Terrorismus geschaffen. Jahrelang wurde ihre Geistlichkeit mit einer fundamentalistisch-aggressiven Lesart des Islam gefüttert, die sie dann weltweit propagandierten. Sie finanzierten überall die Verteilung des Korans, den Bau von Moscheen, die Einrichtung von Koranschulen, die Entsendung orthodoxer Imame, ihr puritanischer Wahabismus wurde zur Nährmutter des terroristischen Salafismus.

Saudi-Arabien ist eine Sklavengesellschaft; neun Millionen schikanierter, gedemütigter, rechtloser Gastarbeiter, zum größten Teil aus dem indischen Subkontinent, haben elf Millionen Saudis ihren Staat aufgebaut und halten ihn am Laufen. Und wenn wir uns – zu Recht – über die Enthauptungspraxis des "Islamischen Staates" erregen, sollten wir nicht minder lautstark die öffentlichen Enthauptungen in Saudi-Arabien anprangern: 87 im vergangenen Jahr; am vorigen Freitag wurde Murdi al-Shakra öffentlich geköpft – schon der zehnte in diesem Jahr. Auch sonst sind die Strafen barbarisch. Zwei Frauen, die es wagten, Auto zu fahren, wurden kürzlich vors Anti-Terror-Gericht gebracht. Und der 30-jährige Blogger Raif Badawi ist wegen Beleidigung des Islams zu zehn Jahren Gefängnis und tausend Peitschenhieben verurteilt worden. Die Prügel sollen ihm in wöchentlichen Raten von 50 Stockschlägen verabreicht werden, was nichts anderes ist als Tötung auf Raten. Die vielen Proteste hatten immerhin die Wirkung, dass die zweite Auspeitschung erst einmal ausgesetzt wurde.

Solange die saudische Geistlichkeit nicht endlich das intellektuelle Unterfutter des Dschihadismus gründlich ausmistet, und dies bald, sollte der Westen gegenüber Saudi-Arabien einen neuen Ton anschlagen. Und die Bundeskanzlerin, die eine "Klärung" der Haltung Riads zu Menschenrechtsfragen dringlich angemahnt hat, sollte über alle Zweifel erhaben klar machen: Der saudische Islam gehört nicht zu Deutschland.