Die prorussischen Aufständischen in der Ostukraine haben ihre angekündigte Großoffensive auf die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol begonnen. Das sagte Separatistenführer Alexander Sachartschenko in Donezk der russischen Nachrichtenagentur Ria zufolge. Zu einem Raketenangriff auf ein Wohnviertel von Mariupol, bei dem nach jüngsten Behördenangaben mindestens 27 Zivilisten getötet und fast 100 verletzt wurden, äußerte er sich nicht.

Bei dem Raketenangriff seien 97 Menschen verletzt worden, sagte ein Sprecher der Kiew-treuen Stadtbehörden von Mariupol. Da die Bergungsarbeiten andauerten, könne sich die Opferzahl noch weiter erhöhen. Fast 30 Menschen wurden getötet. Nach Angaben der Stadtverwaltung schlugen die Raketen auf einem Markt in einem dicht besiedelten Wohnviertel ein. Mehrere Häuser und Autos seien in Flammen aufgegangen.

Das ukrainische Militär und die Separatisten beschuldigten sich gegenseitig, das Wohngebiet beschossen zu haben. Verteidigungsminister Stepan Poltorak sagte, die Armee erwidere Angriffe der Aufständischen. Ukrainische Medien zeigten Bilder von brennenden Autos und einer schwarzen Rauchsäule über dem Vorort.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko kündigte an, die Rebellen bis zum "vollständigen Sieg" zu bekämpfen. Er berief für diesen Sonntag den Nationalen Sicherheitsrat ein. Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrats zur Lage im Osten des Landes. Die Weltgemeinschaft müsse den "russischen Aggressor" stoppen, sagte Jazenjuk.

EU-Ratspräsident für schärfere Maßnahmen

Schärfere Maßnahmen gegen die Aggressoren forderte EU-Ratspräsident Donald Tusk. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter schrieb der Pole, diese müssten nun auf kalten Fakten basieren und nicht weiter auf Illusionen. "Appeasement" ermutige den Aggressor nur zu größerer Gewalt. Zudem habe Tusk Poroschenko angerufen und gefragt, was die internationale Gemeinschaft tun solle.

Trotz der wieder verstärkten Kämpfe hält Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier an den deutschen Vermittlungsbemühungen fest. "Das scheint mir nach wie vor der richtige Weg zu sein", sagte Steinmeier bei einem Besuch in Algerien. "Aber wir müssen klar sehen, dass dieses Bemühen von einigen hintertrieben wird." Steinmeier machte für den Angriff auf den Marktplatz die prorussischen Separatisten verantwortlich und sprach von einer hochgefährlichen Situation.

Offenbar suchten die Separatisten "nach einer militärischen Entscheidung". Die Gespräche mit den Außenministern der Ukraine und Russlands, die er vor wenigen Tagen mit seinem französischen Kollegen Laurent Fabius in Berlin führte, nannte Steinmeier "ermutigend" für die Suche nach einer Umsetzung der Minsker Vereinbarungen. Aber mit Blick auf die Lage im Konfliktgebiet "müssen wir klar sehen, dass dieses Bemühen ganz offenbar von einigen hintertrieben wird". Steinmeier warf Sachartschenko und anderen Rebellenführern "Kriegstreiberei" vor.

Raketen kamen aus Rebellengebiet

Nach Einschätzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wurden die Raketen aus den Gebieten der Separatisten abgefeuert. Die OSZE ist im Rahmen ihrer Ukraine-Mission SMM mit Mitarbeitern in der Hafenstadt vertreten. Diese hätten die Einschlagskrater untersucht und festgestellt, dass Grad- und Uragan-Raketen aus östlicher und nordöstlicher Richtung eingeschlagen seien.

Die Europäische Union rief Russland auf, die moskautreuen Separatisten nicht mehr militärisch, politisch und finanziell zu unterstützen. "Das würde verheerende Folgen für alle verhindern", erklärte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini in Brüssel. Moskau habe beträchtlichen Einfluss auf die Anführer der Separatisten. Die Italienerin warnte vor einer weiteren Verschlechterung der Beziehungen zwischen der EU und Russland.

Mariupol ist die letzte größere Stadt in der Region, die unter ukrainischer Kontrolle steht. Die Hafenstadt am Asowschen Meer mit knapp 500.000 Einwohnern ist strategisch wichtig, weil sie zwischen den von den Rebellen kontrollierten Gebieten in der Ostukraine und der von Russland annektierten Halbinsel Krim liegt. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministers Stepan Poltorak brachten die Rebellen rund um die Stadt Raketenwerfer in Stellung, auch die ukrainische Militärpräsenz in der Region sei erhöht worden.

Die Ukraine, Russland und die prorussischen Rebellen hatten im September in Minsk einen Waffenstillstand vereinbart, der allerdings nie umgesetzt wurde. Zuletzt hatte es wieder besonders heftige Kämpfe gegeben. Am Donnerstag zogen sich die ukrainischen Truppen nach monatelangen Gefechten vom umkämpften Flughafen von Donezk zurück.

Friedensverhandlungen abgelehnt

Sachartschenko kündigte daraufhin am Freitag an, seine Kämpfer würden nun weiter Richtung Westen vorrücken. Gespräche über eine Waffenruhe werde er vorerst nicht mehr führen. In Gesprächen mit ihren Amtskollegen aus Russland und der Ukraine hatten die Außenminister Deutschlands und Frankreichs in dieser Woche erneut versucht, den Krieg zu befrieden.

In dem seit neun Monaten anhaltenden Konflikt wurden nach Angaben der OSZE bereits 5.000 Menschen getötet. Die Ukraine und der Westen werfen Russland vor, die Aufständischen mit Waffen und Truppen zu unterstützen. Dies wird von Russland verneint.

Deutschland und Frankreich hatten sich zuletzt mit der Unterstützung Russlands um einen neuen Anlauf für ein Friedensabkommen bemüht. Die Rebellen lehnten das aber ab und kündigten die Offensive an mehreren Fronten an.