Noch in der Nacht gab es Hoffnung auf eine Entspannung der Lage im Ostukraine-Konflikt: Bei einem Treffen der Außenminister in Berlin vereinbarten Russland und die Ukraine den Abzug schwerer Waffen aus der Krisenzone  – ausgehend von einer bereits im September im Abkommen von Minsk vereinbarten Demarkationslinie. Einige Stunden später vermeldeten die prorussischen Separatisten den Granatenbeschuss einer Bushaltestelle in Donezk. Sie sprachen von mindestens neun Toten und ebenso vielen Verletzten. Ein Sprecher des Bürgermeisteramtes berichtete von 13 Toten und etwa zwölf Verletzten.

Ärzte in Donezk bestätigten 13 Tote, 20 weitere seien verletzt worden. Der Leiter der OSZE-Mission in der Ukraine, Alexander Hug, gab via Twitter bekannt, Beobachter vor Ort hätten sieben Leichen gesehen, die Untersuchungen dauerten noch an. Für den Beschuss machten sich die Separatisten und die ukrainische Armee gegenseitig verantwortlich.

Das Geschoss schlug in einen Oberleitungsbus ein. Zudem wurde laut Bürgermeisteramt ein Zivilist getötet, der an dem Bus mit seinem Auto vorbeifuhr. Der Beschuss ereignete sich den Angaben zufolge in einem bislang von Kämpfen weitgehend verschonten Stadtviertel.

Auch die Kämpfe um den bereits völlig zerstörten Flughafen von Donezk halten weiter an. Die ukrainische Armee teilte mit, die Soldaten hätten sich vom neuen Terminal zurückgezogen, kontrollierten aber noch Teile des Flughafens. Sie hätten das Terminal verlassen, weil es völlig durchsiebt sei und keine Schutzmöglichkeiten mehr biete, sagte ein Armeesprecher. In den vorangegangenen 24 Stunden seien sechs Soldaten getötet worden.

Waffen aus Pufferzone entfernen

Weil sich die Konfrontation in der Ostukraine in den vergangenen Wochen verschärft hatte, trafen sich die Außenminister von Russland, der Ukraine, Deutschland und Frankreich, um über Konfliktlösungen zu diskutieren. In ihren Gesprächen in Berlin hatten sie am Mittwochabend vereinbart, dass schwere Geschütze von den Rebellen und den ukrainischen Regierungssoldaten auf jeder Seite um 15 Kilometer hinter die Trennlinie zurückgezogen werden.

Frank-Walter Steinmeier und seine Amtskollegen Sergej Lawrow, Pawlo Klimkin und Laurent Fabius zeigten Einigkeit darüber, dass sich die Kontaktgruppe rund um die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) so bald wie möglich treffen soll, um den Grundstein für einen hochrangigen Gipfel in der kasachischen Hauptstadt Astana zu legen. Dort soll ein längerfristiges Abkommen erzielt werden.

Steinmeier sagte, die in Berlin erzielte Einigung sei schwere Arbeit gewesen und zeige einen Fortschritt, aber keinen Durchbruch im Friedensprozess. Auch der ukrainische Außenminister Pawel Klimkin dämpfte die Hoffnungen auf eine baldige Lösung des Konflikts: "Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Gesprächsgruppe den Waffenabzug besprechen wird (...). Doch die anderen Punkte von Minsk möchte Russland nicht besprechen. So funktioniert das nicht", schrieb Klimkin am Morgen auf  Twitter. Er bezeichnete das Treffen am Vorabend als "diplomatische Schlacht, in der niemand gewann und niemand verlor".

Gemeinsam riefen die Außenminister zu einer sofortigen Einstellung der Kämpfe auf. In der Region kämpfen die Separatisten seit Monaten gegen Truppen der Regierung. Die Ukraine und der Westen werfen Russland vor, die Separatisten zu unterstützen, was die Regierung in Moskau abstreitet.    

Nach neuen Angaben der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind in der Ostukraine seit Beginn der Kämpfe vor neun Monaten 5.000 Menschen getötet und mehr als 10.000 verletzt worden. Nach Zählungen der Nachrichtenagentur AFP vom Donnerstag wurden in den vergangenen 24 Stunden im Osten des Landes mindestens 41 Menschen getötet.

Ukraine fordert weitere Hilfen vom IWF

Durch den anhaltenden Konflikt wird der Staatshaushalt der Ukraine stark belastet. Deshalb fordert das Land jetzt eine breitere finanzielle Unterstützung vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Präsident Petro Poroschenko informierte IWF-Chefin Christine Lagarde am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos, dass sein Land die bestehende Übereinkunft über Hilfskredite durch ein mehrjähriges, neues Arrangement ersetzen möchte. Die Ukraine will nach Angaben von IWF-Vertretern zudem mit Anteilseignern neu über ihre Schulden verhandeln.

Über die Anfrage der ukrainischen Behörden müsse der Führungsausschuss des IWF nun beraten, sagte Lagarde. Um einen Bankrott des Landes zu verhindern, hatten internationale Geber der Ukraine im vergangenen Frühjahr Hilfskredite im Umfang von 21,5 Milliarden Euro zugesagt. Der Währungsfonds steuert davon 14 Milliarden Euro bei. Der IWF geht inzwischen aber davon aus, dass das Land weitere 15 Milliarden Dollar an Soforthilfen benötigt. Die ukrainische Wirtschaftsleistung ist 2014 um 7,5 Prozent gesunken.