Eine Linie, die den Rest der Ukraine von den finsteren Volksrepubliken im Osten des Landes trennt und ein Korridor, aus dem schwere Waffen abgezogen werden: So weit waren wir schon einmal. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sieht dennoch "wahrnehmbare Fortschritte", die sich in den zähen Gesprächen mit seinen Amtskollegen aus Russland, der Ukraine und Frankreich in dieser Woche ergeben hätten.

Nun ist es mit der Wahrnehmung so eine Sache, sie hängt immer vom Betrachter ab. Der russische Außenminister Sergej Lawrow etwa nannte das Treffen in Berlin lediglich "nützlich". Und Fortschritte sind allemal schwer einzuschätzen, wenn es bei diesen Verhandlungen doch in erster Linie darum geht, die längst vereinbarten Punkte des Minsker Abkommens vom September endlich umzusetzen – zu denen eben auch jene Pufferzone gehört, auf die nun wieder viele hoffen. Ihr Verlauf soll nach der neuen Einigung der alte sein: dort, wo sich vor Monaten die ukrainischen Soldaten und die von Russland unterstützten Separatisten gegenüberstanden, als die Waffenruhe geschlossen wurde.

Die Kontaktgruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die die Unterhändler Russlands, der Ukraine und der Separatisten zusammenbringt, soll den Abzug der Waffen aus dem Korridor organisieren – oder besser: möglich machen. Und das, während längst wieder so intensiv gekämpft wird wie vor der Waffenruhe. Die volksrepublikanisch-russischen Kämpfer haben dabei ihr Territorium offensiv ausgeweitet, die alte Kontaktlinie wurde also von der Realität des Frontverlaufs überholt. Nach Angaben der ukrainischen Regierung halten die Rebellen 500 Quadratkilometer mehr, als das Abkommen festgehalten hat. Zudem will Moskau über die anderen Punkte von Minsk laut dem ukrainischen Außenminister Pawlo Klimkin derzeit gar nicht erst sprechen – während aus Russland weiter Mensch und Material zur Verstärkung der Separatisten kommen.

Permanentes Spiel mit der Geduld des Westens

Es sind auf den ersten Blick parallel existierende Welten, die nicht zusammenpassen. Jene des immer nur temporär gebändigten Krieges, den Moskau in der Ukraine betreibt und immer wieder eskalieren lässt, und jene, die das autoritär-aggressive Putin-Regime auf der Bühne der Diplomatie erschafft – wo sich Russland zeitgleich als Akteur inszeniert, der wie kein anderer auf den Frieden drängt und doch nur wenig Einfluss auf den Konflikt haben will.

Diese beiden Welten passen nur dann zusammen, wenn man sich klarmacht, dass auch all die endlosen, ergebnisarmen Gespräche für Russland ein Mittel in diesem Krieg sind. Sie kommen einem permanenten Spiel mit der Geduld des Westens gleich. Vermeintliche – und seien es noch so kleine – Zugeständnisse der russischen Regierung wecken Hoffnungen, die bislang nie auch nur ansatzweise erfüllt worden sind. Oft genug verklärt das den Blick auf den Kern der Lage: Die Separatisten sind eine Gefahr, weil Russland es so will; ihre "Republiken" haben wenig mit dem Volk zu tun; sie sind brutale Statthalter auf russisch besetztem Gebiet.

Man werde versuchen, auf diese Leute einzuwirken, mit denen man ja eigentlich nichts zu tun habe, hieß es nun wieder aus Moskau. Nach allem, was passiert ist, fällt es schwer, deshalb an Entspannung zu glauben. Schon gar nicht, wenn im selben Moment die Gefechte an der gesamten Front wieder so heftig sind, wenn der Einschlag einer Mörsergranate an einer Bushaltestelle in einem bislang weitgehend verschonten Viertel von Donezk allein 13 Menschen tötet. Erst am vergangenen Dienstag waren 13 Menschen gestorben, als eine Rakete bei Wolnowacha einen Bus traf.

Sanktionen als Zeichen der Geschlossenheit der EU

Die Europäer sehen den Konflikt klar genug, um geduldig, ja beharrlich zu bleiben. Die heute bestehenden Sanktionen gegen Russland waren von Beginn an ein Zeichen ihrer Geschlossenheit, das vielleicht auch Putin überrascht hat. Sie haben viele Debatten hinter sich, die trotz aller Widerstände dazu führten, dass sich die 28 Mitgliedstaaten der EU einig wurden: In mehreren Runden setzten sie den Preis, den Russland für seine Aggression in der Ukraine zahlen muss, in die Höhe – nicht als Strafe, nicht um Russland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, sondern immer mit dem Ziel, ein Einlenken zu erreichen. Dabei bleibt es auch – und das ist beileibe kein Selbstläufer. Aber nur deshalb haben die diplomatischen Bemühungen überhaupt eine winzige Chance.

Ebenso wichtig sind vielleicht langfristige Anreize, die Russland einen Ausweg aus dem Konflikt ermöglichen, der auf Zusammenarbeit und Einbindung beruht. In diese Richtung zielen etwa die Bemerkungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Weltwirtschaftsforum in Davos, die Gespräche zwischen der EU und der Eurasischen Union über "Möglichkeiten einer Kooperation in einem gemeinsamen Handelsraum" in Aussicht stellte, wenn eine umfassende Friedenslösung für die Ukraine gefunden ist. Oder Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der dort konkret eine Diskussion über eine Freihandelszone mit Russland anregte.

Denn das größte Dilemma bleibt, dass gerade dann, wenn die Sanktionen zu wirken beginnen und die russische Bevölkerung die wirtschaftlichen Probleme zu spüren bekommt, Putin mehr denn je darauf setzen könnte, seinen Stand im Inneren durch die militärischen Aggressionen im Nachbarstaat zu sichern. Ein bloßer Rückzug von diesem Projekt, das von alles überstrahlender Propaganda so wirksam flankiert wird, dass die Mehrheit der Russen wirklich an die konstruierte Bedrohung durch den Westen und all die anderen Kriegsmärchen glaubt – es wäre eine Niederlage, die sich Putin nicht leisten könnte, der totale Gesichtsverlust. Es geht dabei nicht wirklich um den Gewinn von Territorium, darin unterscheiden sich die Ziele des russischen Präsidenten von denen der ideologischen Separatisten. Doch dieser Krieg nützt ihm; der Anreiz ist noch zu groß, ihn einfach immer weiter in Gang zu halten.