Syriza-Chef Alexis Tsipras. © Charles Platiau/Reuters

Wer vor gut zwei Jahren in Deutschland um Verständnis für Griechenland bat, musste sich einiges anhören: Pleitegriechen! Faul, korrupt und selbst schuld an ihrem Verderben. Auch die ZEIT ONLINE-Leser stritten heftig. Für ihre harte Haltung gegenüber Griechenland hingegen erhielt Kanzlerin Angela Merkel viel Zustimmung: Kredite nur gegen strikte Sparvorgaben. Das war und ist das politische Mantra der Bundesregierung. Und gerade Merkel profitierte davon.

Es ist nur ein erster Eindruck, aber: Die Stimmung dreht sich gerade, selbst in den Kommentarbereichen der deutschen Medien. "Tsipras-Regierung kündigt Zusammenarbeit mit Troika auf", berichteten wir am Samstag. Der neue Ministerpräsident werde keine Kontrolleure der internationalen Kreditgeber mehr ins Land lassen. Tsipras setzt damit eines seiner wichtigsten Wahlversprechen offiziell um. Und brüskiert einmal mehr die EU.

Und wie reagieren unsere Leser? "Erfrischend dieser Tsipras" oder "Mutig und ehrlich". Das sind nur zwei der Kommentare auf der ersten von 98 Seiten. Kommentar 620: "Dann kann Griechenland jetzt endlich versuchen, einen Weg zu finden, die Lage im Land zu verbessern, und unterliegt nicht mehr einer vom Ausland gesteuerten Diktatur, die nur die Banken und die Elite retten will." Von einheitlicher, kompletter Empörung ist keine Spur.

Das Übel an der Wurzel packen

Das Meinungsbild in Deutschland ändert sich. Am Wochenende meldete die Bild am Sonntag: 62 Prozent der Bundesbürger befürworten, dass Griechenland den Euro behält. Und das, obwohl Tsipras einen Schuldenschnitt befürwortet, bei dem deutsche Steuerzahler viel Geld verlieren könnten. Vor zweieinhalb Jahren vertraten die Deutschen die gegenteilige Meinung: Am 26. Juni 2012 berichtete ebenfalls die Bild am Sonntag von einer Umfrage, in der 78 Prozent der Befragten in Deutschland ein Euro-Aus für die Griechen befürworten, wenn das Land seine Schulden nicht zurückzahlen kann.

Wie kann das sein? Warum ist Alexis Tsipras selbst in Deutschland mit seinen Forderungen offenbar erfolgreich? Ein bisschen Theorie hilft vielleicht weiter: Die Syriza-Partei beruft sich in ihrem Namen auf die "radikale Linke": Zwei Worte, die viele in Deutschland mit Extremismus verbinden. Doch das trifft kaum das Selbstverständnis von Syriza. Die griechische Übersetzung für das Wörtchen radikal ist ryzospastiki. Und das heißt: die Wurzel zerbrechen. Genau das also, was Tsipras seinen Wählern versprochen hat: gesellschaftliche Probleme am Ursprung fassen und lösen. Im Fall von Griechenland bedeutet das, dem Schuldenproblem nicht mit weiteren Krediten zu begegnen und die politischen Eliten des Landes zur Verantwortung zu ziehen.