Angela Merkel hat bei ihrem Besuch in Washington noch einmal dafür geworben, die Krise in der Ukraine auf diplomatischem Wege zu lösen. Bei ihrem Treffen mit US-Präsident Barack Obama sagte die Kanzlerin, es müsse mit allem Nachdruck an einer diplomatischen Lösung gearbeitet werden, selbst wenn es "schon viele Rückschritte" gegeben habe. Ein weiteres Mal betonte Merkel, dass sie Waffenlieferungen an die Ukraine ablehne.

Der US-Präsident hingegen schloss Waffenlieferungen nicht explizit aus. Alle Optionen würden regelmäßig geprüft, sagte Obama. Sollten Friedensgespräche in dieser Woche scheitern, dann würde es "eine starke, gemeinsame Antwort" darauf geben. Obama dankte Merkel für ihre "starke Führungsrolle", die sie in der Ukraine-Krise übernommen habe. Russland verletzte internationale Abkommen und entsende Truppen in die Ostukraine, wo Separatisten mit Panzern und schwerer Artillerie unterstützt würden, sagte Obama. "Wir dürfen nicht akzeptieren, dass die Grenzen neu gezogen werden." Gleichzeitig sagte er, dass ein ukrainischer Waffengang gegen Russland wenig Aussicht auf Erfolg habe. "Die Chance auf eine militärische Lösung des Problems war von Anfang gering."

Man werde weiter gemeinsam darüber nachdenken, wie man der Ukraine finanziell und auch politisch helfen könne, sei es im Rahmen des Internationalen Währungsfonds und der Nato, sagte Obama. Russlands Isolierung werde weiter andauern.

Merkel sagte, sie habe gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande entschieden, eine diplomatische Lösung noch einmal voranzutreiben. "Ich glaube, es ist den Versuch wert", sagte die Kanzlerin. Der Erfolg sei jedoch alles andere als sicher. Europa und die USA müssten dann nach anderen Möglichkeiten suchen. Merkel verwies dabei ein weiteres Mal auf Sanktionen gegen Russland.

Vor ihrer Reise nach Washington hatte Merkel mehrfach betont, dass sie Waffenlieferungen an Kiew strikt ablehnt. So lasse sich Russlands Präsident Wladimir Putin nicht einschüchtern, sagte die Kanzlerin. Bislang spricht sich auch Obama gegen Waffenlieferungen aus, doch die Debatte wird in den USA immer lauter geführt. Sowohl Teile der Regierung als auch ehemalige Pentagonmitarbeiter haben sich in den vergangenen Tagen dafür ausgesprochen, die ukrainische Armee in ihrem Kampf gegen die prorussischen Separatisten in der Ostukraine mit Waffen zu unterstützen. Das Weiße Haus versicherte, alle Optionen würden regelmäßig geprüft.

Steinmeier warnt vor neuer militärischer Eskalation

Als eine letzte Chance wird der Krisengipfel zur Ukraine am Mittwoch im weißrussischen Minsk gesehen. Sollten auch diese Gespräche scheitern, rechnet Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier damit, dass der "Konflikt militärisch in einer neuen Stufe eskalieren" wird. "Dann wird sicherlich auch die Frage nach Waffenlieferungen diskutiert werden, so wie das am vergangenen Wochenende bei der Sicherheitskonferenz in München schon der Fall war", sagte Steinmeier nach dem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel. Um die Gespräche von Minsk nicht zu gefährden, haben die Minister auf ihren Treffen beschlossen, das Inkrafttreten weiterer Sanktionen gegen Russland vorerst zu verschieben

Neben der Ukraine sprachen Merkel und Obama auch über den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sowie die Freihandelsgespräche zwischen den USA und der EU. Es war Merkels erster Besuch bei Obama seit Mai 2014.

Nach den Gesprächen im Weißen Haus wird Merkel auch den Chef der Weltbank, Jim Yong Kim, treffen. Danach fliegt die Kanzlerin weiter nach Kanada, um in Ottawa den kanadischen Regierungschef Stephen Harper zu treffen. Die Reise  in die USA und nach Kanada dient auch der Vorbereitung des G-7-Gipfels der führenden Industrienationen, der im Juni in Deutschland stattfinden soll.