Der Kampf gegen die islamistische Terrorgruppe Boko Haram ist längst nicht mehr auf den Norden Nigerias beschränkt. Er wird inzwischen immer intensiver geführt und weitet sich auch auf die Nachbarländer aus. Die Armeen aus Nigeria, dem Tschad, Kamerun und Niger konnten dabei zuletzt auch wichtige Erfolge verbuchen, etwa mit der Wiedereroberung der Stadt Baga im Norden Nigerias. Der Entschluss der afrikanischen Regierungschefs beim jüngsten AU-Gipfel Ende Januar, eine multinationale Eingreiftruppe mit 8.700 Mann gegen die Extremisten aufzustellen, war ein weiterer bedeutender Schritt. Das Mandat der AU soll eine entschlossenere Reaktion auf Boko Haram ermöglichen und das Misstrauen abbauen helfen, das die Zusammenarbeit der betroffenen Länder im Tschadseebecken schwächt.

Der Kommandoaufbau und das Einsatzkonzept der Truppe werden in dieser Woche im Tschad finalisiert, im kommenden Monat soll eine größere Offensive am Boden und aus der Luft beginnen. Trotz erster Fortschritte bestehen jedoch Zweifel, ob die chronisch unterfinanzierte und von regelmäßigen Zerwürfnissen geplagte AU imstande ist, den Kampf gegen Boko Haram anzuführen. Vergleichbare Einsätze der AU in Mali und in der Zentralafrikanischen Republik hingen stark von der Unterstützung französischer Truppen ab. Beide Missionen wurden letztendlich von den Vereinten Nationen (UN) übernommen. In Somalia war die dortige Mission im Kampf gegen die Al-Shabaab-Miliz jahrelang unterfinanziert und konnte erst in den vergangenen zwei Jahren mit finanzieller Unterstützung der EU und Chinas wirksam gegen die Extremisten vorgehen.

Der Vergleich mit der Mission in Somalia (Amisom) lässt auch bereits erahnen, dass die geplante Eingreiftruppe gegen Boko Haram unzureichend sein könnte. Nach Angaben der AU wären die Truppenstärken, die unkonventionelle Kriegsführung und die Flächen der kontrollierten Gebiete von Al-Shabaab und Boko Haram durchaus vergleichbar. Jedoch ist die 22.000 Mann starke Amisom fast dreimal so groß wie die geplante Regionalstreitkraft gegen Boko Haram. Zwar wird die Kampfkraft der Letzteren durch Luftangriffe deutlich verstärkt, dennoch könnte das Sicherheitsvakuum im Norden Nigerias eine stärkere Beteiligung von Bodentruppen erfordern.

Nigeria als Epizentrum des Konflikts

Sicherheitsexperten bezweifeln allerdings, ob im Fall von Boko Haram zusätzliche Streitkräfte ausschlaggebend sein werden. Nigeria ist selbst einer der größten Truppensteller der AU und verfügt als ölreiches und bevölkerungsreichstes Land Afrikas eigentlich über die Mittel, sich der Bedrohung entschlossener zu stellen. "Die Regionaltruppe wird nicht viel ändern, wenn Nigeria als Epizentrum des Konflikts nicht selbst zielbewusster gegen Boko Haram vorgeht. Der Hauptbeitrag der Streitkraft, wenn überhaupt, wird die Eindämmung der Spill-over-Effekte in den Nachbarländern sein", sagt Solomon Dersso vom äthiopischen Institut für Sicherheitsstudien ZEIT ONLINE.

Eben durch dieses Übergreifen des Konflikts auf die Nachbarländer geriet Nigeria im Januar unter Druck. Nach monatelangem Widerstand stimmte die Regierung beim Gipfel der AU schließlich einem internationalen Einsatz zu. Das Ausmaß der Intervention, die innerhalb der nigerianischen Regierung teils mit Misstrauen beäugelt wird, scheint allerdings begrenzt. Die jeweiligen Kontingente der multinationalen Einheit sollen laut AU-Mandat mit Ausnahme von Nacheiloperationen vor allem innerhalb des eigenen Staatsgebietes in Einsatz treten. Die Bekämpfung Boko Harams innerhalb Nigerias wird somit bis auf gezielte Eingriffe des tschadischen Militärs wohl weiterhin der bislang wenig überzeugenden nigerianischen Armee überlassen sein.

Doch gerade systematische, grenzüberschreitende Operationen wären Experten zufolge besonders wichtig, um Boko Harams regionale, von porösen Grenzen uneingeschränkte Ausbreitung zu bremsen. Ein solches Mandat erwies sich als entscheidend für den Erfolg der AU-Regionaltruppe in Uganda, indem es die Verfolgung der Lord's Resistance Army über die Grenzen hinaus in den Südsudan und die Demokratische Republik Kongo ermöglichte.