Boris Nemzow auf einer Konferenz zum Thema Korruption bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi im Januar 2014 © Alex Wong/Getty Images

Der russische Regierungskritiker Boris Nemzow hat wenige Stunden vor seiner Ermordung deutliche Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin geäußert. In einem 45-minütigen Interview mit dem kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy (Moskauer Echo) verurteilte der Oppositionelle vor allem die Ukraine-Politik des Präsidenten.

Nemzow wurde zuletzt mit den Worten zitiert, Putin würde ihn womöglich gerne tot sehen wegen seiner Opposition gegen die russische Ukraine-Politik. Der Oppositionsaktivist Ilja Jaschin berichtete auf Echo Moskwy, zuletzt habe Nemzow an einemReport gearbeitet, der eine direkte russische Verwicklung in den Separatistenaufstand in der Ostukraine belegen sollte. Das habe ihm der Politiker zwei Tage vor seinem Tod mitgeteilt.

Jaschin sagte, er habe keinen Zweifel daran, dass der Mord politisch motiviert gewesen sei. Nemzow habe als schillernder Oppositionsführer die wichtigsten Regierungsvertreter im Land kritisiert, darunter Präsident Putin. "Wie wir gesehen haben, ist solche Kritik in Russland gefährlich für Leib und Leben", sagte Jaschin.

Nemzow warb für Demonstration gegen die Regierung

Korrupte Politiker vor Gericht stellen, das Militärbudget halbieren, das Bildungsbudget aufstocken: Der einstige Gouverneur und Architekt der liberalen Wirtschaftsreformen der 1990er Jahre machte in dem Interview viele Vorschläge, um Russland zu modernisieren. In erster Linie aber warb Nemzow für eine Demonstration gegen die Regierung, zu der auch andere Oppositionspolitiker aufgerufen hatten.

"Dieser Marsch fordert den sofortigen Stopp des Krieges mit der Ukraine, er fordert, dass Putin seine Aggression einstellt", sagte er. Der für Sonntag geplante Marsch wurde inzwischen als Reaktion auf das Attentat abgesagt. Stattdessen sollen die Moskauer nun an diesem Sonntag zu einem Gedenkmarsch für Nemzow ins Stadtzentrum kommen. Die Route soll dabei auch am Tartort vorbei über die Bolschoi-Moskworezki-Brücke in Sichtweite des Kreml führen. Ein Sprecher der Stadt kündigte an, dass die Behörden einen Marsch für bis zu 50.000 Teilnehmer genehmigen würden.

Putins Vorgehen im Konflikt mit dem Nachbarland sei auch für die schwere Wirtschaftskrise in Russland verantwortlich. "Die Sanktionen, dann die Kapitalflucht: all das wegen Putins unsinniger Aggression gegen die Ukraine." In dem Interview wiederholte Nemzow auch den Vorwurf, Moskau unterstütze die prorussischen Separatisten in der Ostukraine mit eigenen Truppen, was der Kreml stets zurückgewiesen hat.

Eine Journalistin erwähnte auch die Krim und sagte, dass eine Mehrheit der Bewohner gewollt habe, dass die Schwarzmeer-Halbinsel in die russische Föderation eintrete. "Die Bevölkerung wollte in Russland leben, zugegeben", erwiderte Nemzow. "Aber die Frage ist eine andere: Man darf sich nicht nach dem Willen richten, sondern nach dem Gesetz. Und man muss die internationale Gemeinschaft respektieren."

Warnung vor der totalen Katastrophe

Zugleich zeigte sich Nemzow wenig optimistisch, dass er Gehör finden würde: "Die Opposition hat zur Zeit nicht viel Einfluss auf die Russen." Ihren Wortführern müsse jede Woche in einem der Hauptfernsehsender eine Stunde Zeit eingeräumt werden. "Denn wenn man die Macht in den Händen eines einzigen Menschen konzentriert, dann kann das nur zur Katastrophe führen – zu einer totalen Katastrophe", sagte Nemzow.

Weitere Regierungskritiker erinnerten daran, dass Nemzow immer wieder Drohungen erhalten, stets aber zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen abgelehnt habe.

Der russische Oppositionelle Boris Nemzow war in der Nacht zum Samstag unweit des Kremls von einem Unbekannten durch Schüsse in den Rücken ermordet worden. Nemzow war nach Angaben der Polizei nach dem Abendessen mit einer ukrainischen Bekannten am Roten Platz spazieren gegangen.