Soldaten der ukrainischen Armee nahe Debalzewe © Gleb Garanich/Reuters

Man würde ja gern einmal durchatmen nach den vergangenen 36 Stunden. Man sehnt sich selbst als Beobachter nach einem Moment der Ruhe. Um zumindest anfangen zu können zu verstehen, was da gerade geschieht. In Minsk, in Debalzewe, in Brüssel, in Athen. Mit der Ukraine, mit Russland, mit Europa. Aber Ruhe gibt es nicht. In Debalzewe wird weiter gestorben, noch eineinhalb Tage lang. Mindestens bis morgen Nacht, bis zum Beginn der Waffenruhe. Wenn sie denn beginnt.

Und in Brüssel wird weiter verhandelt. Heute, morgen, übermorgen. Mindestens bis Montag, bis sich die Finanzminister zur nächsten Griechenland-Runde treffen. So lange bleibt der Grexit eine Option. Es war Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, der am Donnerstag kopfschüttelnd daran erinnerte, dass es erst einen Monat her ist, seit in Paris 17 Menschen bei Terrorattacken starben. Und eineinhalb Millionen Menschen gemeinsam auf die Straße gingen. Wir sind Charlie – wann war das noch mal? Wirklich erst vor fünf Wochen?

Auch über den Kampf gegen den Terrorismus haben die Staats- und Regierungschefs auf dem EU-Gipfel gesprochen. Nachdem der ukrainische Präsident Petro Poroschenko berichtet hatte; bevor der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras das Wort ergriff. Was für eine Tagesordnung! Eurokrise, Ukraine-Krieg, islamistischer Terror – wie in einer Hochdruckkammer verdichtet sich die Gegenwart in diesen Tagen und Wochen zu Geschichte. 

Griechischer "Geist des Kompromisses"

Dass die griechische Krise auf dieser Tagesordnung neben dem Krieg in der Ukraine steht, ist erst einmal ein Zufall. Eine Laune der Ereignisse. Aber zugleich ist es ein wichtiger Hinweis für die Europäer: Es gibt schwierige Themen, und es gibt schreckliche Themen. So eine Tagesordnung kann helfen, den Blick zu schärfen und zu unterscheiden: Was ist wichtig – und was ist noch wichtiger? Vor allem: Welche Probleme kann man mit etwas gutem Willen lösen – und welche möglicherweise nicht. Jedenfalls nicht schnell. 

Es scheint, als hätten die Regierungschefs der EU dies verstanden. Wer genau hinhörte, wie Merkel und vor allem Tsipras sprachen, der konnte den guten Willen erkennen, das Problem mit den griechischen Finanzen und Reformen zu lösen. Zum ersten Mal schloss Tsipras nicht länger aus, das laufende Hilfsprogramm zu verlängern – unter anderem Namen und mit überarbeiteten Konditionen. Am Abend zuvor hatte sich sein Finanzminister noch geweigert, eine entsprechende Erklärung zu unterschreiben.

Mehrfach betonte der neue griechische Ministerpräsident die Verpflichtungen, die sein Land eingegangen sei. Tsipras beschwor den "Geist des Kompromisses", der die europäische Politik bestimme. Fast wortgleich hatte das zuvor Angela Merkel gesagt. Einen solchen Kompromiss zu finden, ist technisch anspruchsvoll. Welche Reformen sagt die griechische Regierung zu? Wer überprüft sie? Wie genau geht die Rechnung auf? Da wird noch manche Pirouette gedreht werden in den nächsten Tagen. Aber politisch wäre es ein Irrsinn, ein Treppenwitz der Geschichte, wenn die Eurozone jetzt, nach all den Anstrengungen, doch noch auseinanderfallen oder zumindest ein Mitglied verlieren würde.

Die Überlegenheit des europäischen Modells

Zusammenhalt – das ist die zweite Lehre, die die gestrige Tagesordnung bereithielt. Durch den Krieg in der Ukraine und die Konfrontation mit Russland ist die EU zu einem außenpolitischen Subjekt geworden, Europa wider Willen zu einem geopolitischen Akteur. In Minsk hat zwar die deutsche Bundeskanzlerin verhandelt, aber nie zuvor ist Angela Merkel so sehr Europäerin gewesen wie in diesen Tagen. Nicht zufällig hatte sie in einem der dramatischsten Momente ihrer Kanzlerschaft den französischen Präsidenten an ihrer Seite. Einen Mann, mit dem sie in der Vergangenheit nie warm geworden war.

Merkel agiert gegenüber Putin mit einem hohen, bislang ungekannten persönlichen Einsatz. Aber die Maßnahmen, mit denen sie droht, und die Aussichten, mit denen sie lockt, sind europäisch. Das gilt für die Sanktionen, die am kommenden Montag noch einmal ausgeweitet werden. Diesen Beschluss ihrer Außenminister haben die Staats- und Regierungschefs der EU bestätigt. Und es gilt für eine mögliche wirtschaftliche Kooperation zwischen der EU und Putins Eurasischer Wirtschaftsunion, die irgendwann am Ende eines langen Weges stehen könnte.

Die Auseinandersetzung mit Russland ist mehr als nur eine Bewährungsprobe. Ihr Ausgang wird das politische Europa für lange Zeit definieren. Die EU, das wissen Merkel wie Hollande, wird diese Auseinandersetzung nur bestehen, wenn sie zusammenhält. Wenn sie die eigenen Reihen schließt und ihren Bürgern den Glauben an die Kraft und an die Überlegenheit des eigenen Modells wiedergibt. Auch ihren Bürgern in Griechenland.

Es wäre zu schön, wenn die Waffen in der Ukraine am Sonntag wirklich ruhen.