Anfang Oktober 2013: In einem Hangar des Flughafens von Lampedusa stehen die Särge von Flüchtlingen, mindestens 366 Menschen starben bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, als ihr Boot sank. © ALBERTO PIZZOLI/AFP/Getty Images

Aman, ein 29-jähriger Eritreer, hatte mir gerade von seiner beschwerlichen Reise nach Europa erzählt, als ich die Nachricht vom Tod Hunderter Flüchtlinge im Mittelmeer erhielt. Er und viele andere, mit denen ich eine Woche zuvor in Dresden sprach, hatten im vergangenen Sommer ihr Leben riskiert, um in überfüllten, nicht seetüchtigen Booten aus dem zerfallenden Libyen nach Italien zu gelangen. Sie alle wurden im Rahmen der groß angelegten Such- und Rettungsoperation Mare Nostrum von Schiffen der italienischen Marine gerettet.

Unzählige andere starben bei der gefährlichen Mittelmeerpassage, der zweifellos tödlichsten Migrationsroute unserer Zeit. Am 8. Februar kamen in der winterlich-stürmischen See rund 300 Männer, Frauen und Kinder ums Leben, die dicht an dicht in kleinen Schlauchbooten ausgeharrt hatten. 29 von ihnen waren lebend herausgeholt worden, starben jedoch an Unterkühlung. Schuld an ihrem Tod sind nicht nur die Naturgewalten, die Schleuser oder das bloße Schicksal. Europa ist mitverantwortlich.

Während die Krisen in vielen Weltregionen andauern und Libyen im Chaos versinkt, besteht kein Zweifel daran, dass auch in den kommenden Monaten wieder Tausende ein "Boot in den Tod" besteigen werden. Angesichts des Aufstiegs von Extremistengruppen wie dem "Islamischen Staat" auch in Libyen und der Zunahme des Terrors in Europa könnte sich die EU in ihrer Grenzpolitik bestärkt sehen, die vor allem von Sicherheitsinteressen geleitet wird. Doch Menschen ertrinken zu lassen, bedeutet moralisches Versagen und ist durch nichts zu rechtfertigen. Die EU muss endlich entschlossen handeln, um weitere Tragödien zu verhindern.

Die Reaktion der EU auf die lebensgefährliche Bootsmigration konzentriert sich auf Polizeiarbeit, Überwachung und Grenzschutz. Dies wird auch bei den Treffen des Europäischen Rats immer wieder betont. Doch es besteht ein beschämender Mangel an politischem Willen, wenn es darum geht, Menschen, die vor Verfolgung und Gewalt fliehen, vor den Gefahren einer irregulären Einreise zu schützen. Das beste Mittel dazu wäre die Schaffung von legalen und sicheren Wegen in die EU, flankiert mit verstärkten Bemühungen bei der Seenotrettung für all jene, die keinen anderen Ausweg sehen.

Europa auf dem falschen Kurs

Nach der Tragödie von Lampedusa im Oktober 2013, bei der mindestens 366 Menschen ums Leben kamen beim Versuch, nach Europa zu gelangen, versprach die EU, mehr gegen das Sterben im Mittelmeer zu unternehmen. Es wurden Reden gehalten, Treffen einberufen, und eine Arbeitsgruppe erarbeitete Empfehlungen. Doch die jüngsten Tragödien zeigen, dass Europa sich nach verhaltenen Fortschritten wieder auf dem falschen Kurs befindet. Knapp eineinhalb Jahre nach Lampedusa und mehr als 3.800 Todesfälle später – dies sind Schätzungen der UN – ist die EU bei der Seenotrettung keine greifbaren Verpflichtungen eingegangen und tritt bei der Schaffung legaler und sicherer Einreisewege auf der Stelle.

Nach der Tragödie im Oktober 2013 forderte die damalige EU-Kommissarin für Innenpolitik Cecilia Malmström eine europäische Such- und Rettungsoperation im gesamten Mittelmeer von Zypern bis nach Spanien. Das Büro des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR), der Menschenrechtskommissar des Europarats und der Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wiederholten diese Forderung. Derzeit ist jeder Mittelmeerstaat in einem zugewiesenen Gebiet für die Seenotrettung verantwortlich. Libyen ist dazu ganz offensichtlich nicht in der Lage, und die unmittelbar betroffenen EU-Staaten wie Italien und Malta können nicht auf Unterstützung durch die EU als Ganzes zählen.

Dennoch begann Italien im Alleingang die Rettungsoperation Mare Nostrum und schickte seine Marineschiffe in die internationalen Gewässer vor der libyschen Küste, wo sie in Seenot geratene Bootsmigranten retten sollten. Mindestens die Hälfte der rund 218.000 Menschen, die im Jahr 2014 auf dem Seeweg die EU erreichten, wurde von der italienischen Marine sicher ans Festland gebracht. Laut UNHCR starben im vergangenen Jahr etwa 3.500 Menschen im Mittelmeer. Wer vermag sich vorzustellen, wie hoch diese Zahl ohne Mare Nostrum gewesen wäre?