In seiner Kritik der Urteilskraft nennt Immanuel Kant drei Maximen, nach denen sich ein republikanischer Gemeinsinn richten müsse: 1. Selbstdenken. 2. An der Stelle jedes anderen denken. 3. Jederzeit mit sich einstimmig denken.

Die zweite Maxime betrifft die "erweiterte Denkungsart", also Gerechtigkeit und Fairness. Sie wird zurzeit vom deutschen Finanzminister Schäuble klar verletzt. Mehrfach hat er in den letzten Tagen schneidend behauptet, dass allein die Griechen schuld seien an ihrer gegenwärtigen Misere, ja an der Krise Europas. Wie wäre es, wenn er der Kant'schen Maxime der Fairness folgte und an der Stelle der Griechen dächte?

Dann könnte er auf eine ganz andere "Schuld"-Erzählung kommen. Sie könnte so gehen: Als im Frühjahr 2010 der griechische Ministerpräsident Papandreou den Internationalen Währungsfonds (IWF) über die bevorstehende Insolvenz Griechenlands informierte und um Kredite bat, lehnten dessen Fachleute ab, weil es keinen Sinn hat, Kredite in ein insolventes Land zu pumpen. Stattdessen sollte man wie in anderen Fällen auch einen Schuldenschnitt machen. Der hätte vor allem die deutschen und die französischen Banken betroffen.   

Deutschland verdiente an Griechenlands Misere

Dies wollten weder IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (der damals noch das französische Präsidentenamt anstrebte), noch Bundeskanzlerin Angela Merkel, noch Finanzminister Schäuble, mit dem Argument, das deutsche, französische und europäische Bankensystem retten zu müssen. Freilich wollten sie auch vermeiden, so könnte die Erzählung lauten, dass ihre jeweiligen Banken Verluste machten. Damit war Griechenland der Rückweg in ein vernünftiges Wirtschaften versperrt.

Weshalb hatten die deutschen Banken Griechenland zuvor so hohe Kredite gegeben, obwohl das Land schon damals nicht der Hort der finanziellen Stabilität war, sondern bereits erhebliche Schulden angehäuft hatte? Die Kredite hatten unter anderem der Finanzierung von griechischen Importen aus Deutschland gegolten, die dem deutschen Export gut taten, von denen wir aber heute wissen, dass deren zugrundeliegende Verträge etwa mit Siemens, Rheinmetall und oder Krauss-Maffei durch Korruption zustandegekommen waren.

Deutsche Unternehmen hatten griechische Politiker vor allem aus dem Verteidigungsministerium bestochen und daran ebenso verdient wie die deutschen Banken an den Krediten, die sie den Griechen gaben.

Noch 2010 hatte die deutsche Bundesregierung die Griechen gemahnt, ihre georderten (überflüssigen) U-Boote auch wirklich zu kaufen. Schon damals hieß es: "Pacta sunt servanda!", ein richtiger Satz, vor allem, wenn man vorher gerechte Verträge schließt.