Griechenlands neue Regierung will vor allem den Armen, Arbeitslosen und Kranken helfen, die in den Krisenjahren besonders gelitten haben. Das Gesundheitsministerium hat Tsipras mit einem engen Vertrauten besetzt. Panagiotis Kouroumplis residiert in einem 70er-Jahre-Bau mit verblichenen Teppichen, gelben Polyestervorhängen und hellgrünen Wänden. Als seine Mitarbeiter hier vor etwas mehr als einer Woche einzogen, fanden sie Büros ohne Druckerpapier und Fernsehkabel vor, auf der Toilette fehlen Sitz und Deckel.

ZEIT ONLINE: Herr Minister, wie ist es, eine neue Regierung zu starten?

Panagiotis Kouroumplis: Es ist nicht schön, über diese Dinge zu sprechen. In Griechenland gibt es eine schlechte Tradition: Wenn einer geht und ein anderer kommt, hinterlässt der Vorgänger nichts. Selbst wenn es innerhalb einer Regierung einen Ministerwechsel gibt, ist das so. Ich hoffe, dass ich die Ausnahme sein werde, wenn ich eines Tages hier weggehe.

ZEIT ONLINE: Sie waren früher Mitglied der sozialdemokratischen Pasok-Partei. Wie haben Sie Alexis Tsipras kennengelernt?

Kouroumplis: Es war eine dieser Begegnungen, die wir in der Philosophie als die "entscheidenden Momente des Lebens" bezeichnen. Vor drei Jahren trafen wir uns bei dem Begräbnis von Leonidas Kyrkos, einem Vordenker der griechischen Linken. Ich war damals politisch unabhängig, weil Pasok mich herausgeworfen hatte, nachdem ich gegen das zweite Sparpaket gestimmt hatte. Ich hatte Angebote von allen Oppositionsparteien, Syriza war die kleinste von ihnen. Ich entschied mich trotzdem für sie, weil ich an die politische DNA von Alexis Tsipras glaubte.

ZEIT ONLINE: Können Sie Tsipras' politische DNA näher beschreiben?

Kouroumplis: Alexis Tsipras ist ein sehr ehrlicher Mensch. Er ist der erste Premierminister, der in einem normalen Viertel in Athen wohnt und unter seinen Verhältnissen lebt. Obwohl er Atheist ist, hat er viele Würdenträger der Kirche von sich überzeugt. Er bringt eine neue Frische in dieses Land. Vielleicht klingt das komisch, aber es gibt jetzt ein Element von erotischer Aufregung in der Politik (lacht). Es ist zum Beispiel das erste Mal, dass ein Mensch in einer Besonderheit wie ich Minister wird.

ZEIT ONLINE: Sie sind der erste blinde Minister Griechenlands. Was bedeutet Ihnen das?

Kouroumplis: Meine Ernennung ist die Wiedergutmachung dafür, dass ich ab dem 10. Lebensjahr immer wieder beweisen musste, dass ich kein hoffnungsloser Fall war. Auf der Straße gratulieren mir jetzt die Menschen, andere schreiben mir. Auch die, die Syriza nicht gewählt haben, drücken mir ihr Vertrauen aus. Am Tag, als wir eingeschworen wurden, hat mich der Vizepremier umarmt und gesagt: "Wie sollen wir nur mit all diesen Problemen fertig werden?" Ich habe ihm geantwortet: "Bisher saßen im Gesundheitsministerium Menschen mit offenen Augen. Nun sitzt hier eine Person, die nicht sehen kann." Es gibt also Hoffnung. Dinge können sich verändern.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie Ihr Augenlicht verloren?

Kouroumplis: Ich war zehn und spielte mit sieben Kindern an einem Fluss in meinem Heimatdorf. Früher gab es an diesem Fluss eine Brücke, die während der deutschen Besatzung für den Transport von Waffen und Soldaten sehr wichtig gewesen war. Als die deutsche Armee ging, sprengten sie sie in die Luft, doch einige Minen und Waffen blieben zurück. 1956 wurden zwei Kinder getötet, 1961 fand der Unfall mit mir statt. Als ich 11 war, reiste mein Vater mit mir nach Deutschland um zu sehen, ob es eine Möglichkeit gab, mich zu operieren. Ich sagte danach, dass ich das nicht wolle. Meine Mutter bestand weiter darauf, dass ich zu Ärzten ging, meine Großmutter wollte, dass ich in die Kirche ging. Beiden sagte ich Nein. Ich sagte mir: "Das ist jetzt die Realität, und du musst in dieser Realität kämpfen!" Und das ist, was ich seitdem jeden Tag gemacht habe.