Zocker, Pokerspieler, Bluffer: So lautet hierzulande der Tenor über die "griechischen Populisten" im europäischen Verhandlungsmarathon. Eine Einigung im Schuldenstreit gestaltet sich sehr schwer, der jüngste Versuch ist am Montag gescheitert. Hat nun "Frechheit gesiegt", wie es der Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder formulierte? Was treibt die vermeintlich dubiosen neuen Politiker Griechenlands an? Was sind die Verhandlungslogiken, die Sachzwänge dieser Diplomatie der Underdogs?


Gewiss: Zunächst irritierte die Tsipras-Regierung mit einer Reihe von Regelverletzungen in der politischen Arena. Semiotisch sorgte das unorthodoxe Auftreten des Finanzministers Yanis Varoufakis mit fehlender Krawatte und legerer Körpersprache für Befremdung ebenso wie für Amüsement. Dass Varoufakis eher das Bild eines Actionfilm-Helden als das eines Diplomaten heraufbeschwört, machte ihn nicht nur für den Guardian "glaubwürdiger und zugänglicher" – momentan stehen 82 Prozent der Griechen hinter ihm. Die Zweite-Klasse-Flüge und der Verzicht auf Dienstwagen sind weitere Symbole, die hierzulande als rhetorische Gesten des extremistischen Amalgams zwischen Links- und Rechtspopulisten gelesen werden.

Ästhetischer Regelbruch

Aus griechischer Perspektive stellt sich das anders dar: Die semiotische Folie hat materiellen Hintergrund. Die neuen Regierungsmitglieder sind nie Teil der griechischen oder europäischen Elite gewesen, haben keine gewachsenen Abhängigkeiten mit den politischen und finanziellen Klassen und sind entsprechend nicht ihrem Habitus verpflichtet.

Gebunden sind sie stattdessen an den durch politische Umwälzungen der letzten Jahre herausgebildeten neuen griechischen Souverän. Der plebejische Stil der neuen Repräsentanten in Athen ist keine Dekoration, sondern Ausdruck der demokratischen Entscheidung für Politiker, die mit dem business-as-usual brechen. Aus der Erfahrung mit Verelendung und Depression sind die Griechen risikobereiter geworden und haben die neue Regierung gewählt, um den Tabubruch zu vollziehen.

Gestützt allein auf die Gunst der Bevölkerung war das mantrahaft wiederholte Argument in den Verhandlungen, der demokratische Wille müsse respektiert werden. "Der demokratische Auftrag sowie die Würde des Volkes werden nicht verhandelt", so Alexis Tsipras. Das ist sein zentraler wenn nicht einzig verbliebener Einsatz im Brüsseler Verhandlungsspiel.

Zwei völlig verschiedene Denkansätze

So treffen in den Verhandlungen zwei unterschiedliche Logiken aufeinander: Von deutscher Seite wird die buchhalterische Gesinnungsethik des Ordoliberalen zur Einhaltung der Vereinbarungen gegenüber den Gläubigern als das wichtigste Gut für ein europäisches Miteinander gehandelt. Da geht es vor allem um die Beruhigung der Märkte und Stabilität des Euro, um das Wohl der europäischen Wirtschaft zu garantieren. Athen dagegen ist darauf angewiesen, mit anderen Regeln zu spielen, da sich das Wohl der europäischen Märkte nicht als deckungsgleich mit dem Wohl der Bevölkerung erwiesen hat: Der Sachzwang der griechischen Regierung ist die Garantie eines würdevollen Lebens – nicht zufriedene Finanzmärkte.  

In den Gesprächen ist deutlich geworden: Die Griechen verhandeln um ihr Leben, sie sind angetrieben vom Gefühl nichts zu verlieren zu haben, auf dem Tisch liegt für sie die Zukunft von Generationen. Nur ist diese Betonung des Humanitären kein hinreichend überzeugendes Argument in den Räumen der hohen Brüsseler Beamten – die EU-Diplomaten und die neue griechische Regierung sprechen in ganz unterschiedlichen Sprachen.