Ásotthalom, 550 Kilometer nördlich von Prishtinë, der Hauptstadt des Kosovo: Kinder wimmern, Männer fluchen. Schneeregen peitscht über das graue Schilf, während mehrere Dutzend illegale Grenzgänger über eine umgeknickte Weide durch knietiefes Wasser von Serbien nach Ungarn waten. "Freiheit", jubiliert ein Kosovare, als er die ungarische Böschung des halb ausgetrockneten Grenzkanals erklimmt. "Ist das Ungarn?" vergewissert sich ein fröstelnder Familienvater. Bei der Frage, wohin er wolle, zuckt der hagere Mann mit den Schultern: "Deutschland, Österreich, Frankreich, ganz egal, Hauptsache weg: Im Kosovo ist es kein Leben mehr."

Mit seiner Frau und den drei Kindern  hatte sich der Kosovo-Albaner aus der Provinzstadt Deçani (Deçan) in einem überfüllten Bus in die serbische Stadt Subotica aufgemacht. Der kurze Schlepperdienst von dort zur serbisch-ungarischen Grenze soll 200 Euro pro Person kosten. Und die letzten Meter durch den versumpften Grenzkanal haben die Flüchtlinge alleine zu gehen. Bisher wurden sie dabei weitestgehend in Ruhe gelassen an diesem Punkt der durchlässigen Grenze zum EU-Schengen-Raum.

Mit kleinen Rucksäcken wie für einen Schulausflug bepackt ziehen lange Kolonnen überwiegend junger Menschen über die Waldwege Südungarns. Manche Paare halten sich an den Händen, andere tragen ihre Kinder im Arm. "Wo ist die Polizei?", fragt ungeduldig ein Brillenträger, der endlich sein Asylgesuch loswerden will. Vier Jugendliche scheinen ganz ohne Gepäck die ungewisse Expedition in das ersehnte neue Leben zu wagen. "Alle gehen", sagt ihr rotbäckiger Wortführer bei der Frage nach den Gründen für ihren Aufbruch: "Denn im Kosovo gibt es keine Arbeit für uns, nur Armut – sonst nichts."

Kosovo könnte 10 Prozent seiner Einwohner verlieren

Wer auswandern will aus dem Kosovo, kann legal in das frühere Mutterland Serbien einreisen. Jeden Tag steuern daher zehn voll besetzte Autobusse und unzählige Taxis die serbische Hauptstadt Belgrad oder gleich direkt die Grenzstadt Subotica an. Nach Erkenntnissen des kosovarischen Geheimdiensts KIA sollen sich in den vergangenen zwei Monaten rund 50.000 Landsleute in Richtung Westen aufgemacht haben. Manche Medien in Prishtinë sprechen sogar von über 100.000 Menschen, die im vergangenen halben Jahr ihrem Land den Rücken gekehrt haben sollen.

Weil Kosovo das einzige Land auf den Westbalkan ist, dessen Bürger noch immer ein Visum für die legale Einreise in den Schengen-Raum benötigen, sollen rund 60.000 Kosovo-Albaner in den vergangenen Wochen den serbischen Pass beantragt haben. Das berichtet das serbische Innenministerium. Ob legale oder illegale Grenzgänger: Hält die hohe Auswanderung an, könnte der 1,8 Millionen Einwohner zählende Staatenneuling in wenigen Monaten ein Zehntel seiner Bevölkerung verlieren. Von "tektonischen Verschiebungen" spricht besorgt der Wirtschaftsprofessor Rifat Blaku.

Furcht vor Fremden

Zurück an die Grenzböschung in Ásotthalom: Dort weist Zoltan Saringer den ungewünschten Neuankömmlingen in gebrochenem Serbisch den Weg durch den Wald. Erst im Sommer habe er seinen Dienst als Feldwächter angetreten, berichtet der Mann im olivgrünen Tarnanzug. Seine Aufgabe sei es eigentlich, Diebeszüge auf Äckern und Obstplantagen zu verhindern. Nun chauffiert der Kommunalangestellte mit seinem alten Lada vor allem Journalisten durch den Flüchtlingswald – und vermeldet die gesichteten Immigrantengruppen der Polizei. Bis Oktober sei er bei seinen Patrouillen täglich auf zehn bis 15 Grenzgänger gestoßen, "manchmal auch auf niemanden", erzählt Zoltan: "Nun sind es täglich Hunderte".

"Niemand schützt die Schengen-Grenze hier", klagt der örtliche Bürgermeister László Toroczkai. Seine kommunale Polizei bestehe aus zwei Beamten und drei Feldwächtern. Den Schutz des 20 Kilometer langen Grenzabschnitts seiner Kommune könnten diese aber kaum übernehmen: "Jeder kann diese Grenze passieren." Seit 2011 gebe es das Phänomen der illegalen Grenzgänger in seiner Gemeinde. Doch erst seit Herbst sei es "eskaliert", so der Bürgervater der nationalistischen Jobbik-Partei: "Erst kamen täglich Hunderte und nun selbst über tausend an einem Tag – zu 80 bis 90 Prozent stammen die Leute aus dem Kosovo."

Nicht nur wegen der Feuer und hinterlassenen Müllberge im Wald sei die Lage und Stimmung im Dorf "nervös", berichtet Toroczkai. Die Hälfte der 4.000 Einwohner wohne in einsamen Bauernhöfen in Waldesnähe: "Die Leute haben Angst, wenn die Fremden über ihre Grundstücke ziehen oder an die Häuser kommen. Wir können kaum mehr schlafen, weil pausenlos die Hunde bellen."