Um die Massenflucht der Kosovo-Albaner nach Westeuropa verstehen zu können, muss man sich die tragische soziale Situation vor Ort vor Augen führen. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben etwa 17 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut (Ausgaben von weniger als 0,94 Euro pro Tag) und 45 Prozent in absoluter Armut (weniger als 1,42 Euro pro Tag).

Etwa 16 Prozent der Kinder sind von Nahrungsmangel und dadurch verursachten Wachstumsstörungen betroffen. Aufgrund von Mangelernährung leiden etwa 16 Prozent der Schulkinder und 23 Prozent der Schwangeren unter leichter Anämie, Blutarmut. Die Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit ist weiterhin erheblich höher als in den umliegenden Regionen und in Europa. Die Weltbank schätzte zuletzt, dass mehr als 35 Prozent aller Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 weder eine Bildungseinrichtung besuchen noch einer Ausbildung oder Beschäftigung nachgehen. Die Arbeitslosigkeit wird auf über 40 Prozent, bei Jugendlichen auf über 70 Prozent geschätzt. 

Kosovo leidet zum einen noch immer unter der historischen Unterentwicklung aus der osmanischen Zeit und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber auch unter den Folgen der ökonomischen Marginalisierung unter dem Milošević-Regime (1987-2000). Zum anderen hält ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum an, mit dem die Wirtschaftsentwicklung nicht mithalten kann. Die natürliche Bevölkerungszuwachsrate lag im Jahr 2012 laut Europäischer Kommission bei 11,3 Personen pro 1.000 Einwohner – und damit viel höher als irgendwo sonst in Europa. Kosovo hat die jüngste Bevölkerung auf dem Kontinent, eine Tatsache, die mit für die hohe Geburtenrate verantwortlich ist. 30.000 Neugeborene pro Jahr: So viele Arbeitsplätze können in einem Land, das nur knapp ein Drittel der Fläche Belgiens ausmacht, nicht entstehen. 

Um die Zahl der Armen bis 2020 zu halbieren, wären nach Schätzungen der internationalen Finanzinstitute ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von jährlich über sieben Prozent und Direktinvestitionen aus dem Ausland in Höhe von 1,5 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich. Tatsächlich weist Kosovo derzeit nur ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent (2014) auf, Investitionen aus dem Ausland gibt es kaum. 

Kultur der Straflosigkeit

Für das Verharren Kosovos in Armut sind auch ausgedehnte rechtsfreie Räume mitverantwortlich. Sie sind Folge der allgegenwärtigen Korruption und der symbiotischen Beziehung zwischen weiten Teilen von Verwaltung und Politik mit der organisierten Kriminalität. Trotz aller seit 1999 in Angriff genommener Reformen unter Leitung von EU, OSZE und zahlreicher internationaler Nichtregierungsorganisationen ist die öffentliche Verwaltung in Kosovo weiterhin leistungsschwach. Beamte stehen unter permanentem politischen Druck und sind oft an Korruption und Nepotismus beteiligt.

Nach allen Befragungen ging die Zufriedenheit der Bevölkerung mit den politischen Institutionen, einschließlich des Parlaments und der Regierung sowie der Justiz und der Verwaltung, nach einer euphorischen Phase im Zuge der Ausrufung der Unabhängigkeit 2008 zurück. Als am meisten korrupt werden Polizei, Zollbehörden und Gerichte wahrgenommen. Anfang 2013 hatte der Europarat die Behörden Kosovos sowie die Missionen von EU und UN für das Land, EULEX und UNMIK, aufgerufen, endlich der "Kultur der Straflosigkeit, oft gefördert durch Mitglieder der Regierung" Einhalt zu gebieten. Der Europäische Rechnungshof hat zuletzt Mitte 2012 die Arbeit der EULEX als "nicht effizient genug" gerügt und festgestellt, dass den Maßnahmen der EU im Kosovo zur Bekämpfung der Korruption und der organisierten Kriminalität bisher wenig Erfolg beschieden war.