Es ist viel Ruhm für eine betriebsame, aber provinzielle Hauptstadt im Osteuropäischen Tiefland. Die Staatschefs von vier europäischen Ländern treffen sich am heutigen Mittwoch im belarussischen Minsk, um Frieden zu schließen. Auf dem glänzenden Marmorboden des belarussischen Präsidentenpalastes treffen zwei Kollegen aufeinander, die als Kriegsfeinde gelten. Russlands Präsident Wladimir Putin und der Ukrainer Petro Poroschenko. Für sie ist es nach dem gescheiterten Treffen im vergangenen Sommer das zweite Treffen in Minsk. Aber dieses Mal geht es nach Meinung vieler Beobachter bereits um die letzte Chance, einen großen Krieg in Europa zu verhindern.

Einiges spricht dafür, dass Minsk zumindest nicht zum Synonym für ein skandalöses Scheitern wird. Angela Merkel und François Hollande verleihen den Verhandlungen ihr Schwergewicht, nachdem sie Mitte Januar noch ein anberaumtes Vierertreffen im kasachischen Astana wegen absehbarer Erfolglosigkeit strichen.

Jetzt ist eine Einigung über eine breite, demilitarisierte Zone ohne "Friedenstruppen", über eine Autonomie und Regionalwahlen für die abtrünnigen Gebiete denkbar. Aber es bleiben auch viele ungelöste Fragen: Diese Regionalwahlen müssten in Kiews Verständnis nach ukrainischer Gesetzgebung stattfinden, was aus russischer Sicht nur schwer vorstellbar ist. Weitere Streitpunkte sind die Anerkennung der Rebellen durch die ukrainische Regierung als gleichwertige Verhandlungspartner, die Schließung der Grenze zu Russland, die auf etwa 450 Kilometern Länge praktisch kaum zu überwachen ist, und eine Amnestie für ostukrainische Kämpfer.

Vor allem Merkel und Hollande ist an einem baldigen Waffenstillstand gelegen: Sie empfinden jeden Krieg auf europäischem Boden als Bedrohung des Ideals eines in Frieden und Werten vereinten Europas. Aber auch der rätselhafte Putin, dessen Gedanken- und Gefühlswelt sogar US-Psychiater erfolglos per Ferndiagnose zu ergründen versuchten, müsste vor einer unkontrollierbaren Eskalation im Nachbarland zurückschrecken. Denn sie könnte Russland doch noch in einen offenen Krieg ziehen, der schnell auch die Fähigkeiten der eigenen Armee überlasten würde. Außerdem hat der Präsident, so scheint es, schon jetzt viele seiner Ziele, und sei es als Etappe, erreicht.

Über die Krim spricht kaum einer mehr

Über die einverleibte Krim, deren Schicksal aus Moskauer Sicht für alle Zeiten entschieden ist, spricht kaum einer mehr. Sie gehört in keines der aktuellen Verhandlungspakete, denn derzeit geht es nur um die Ostukraine. Das gefällt Moskau. Über fast ein Jahr hinweg hat Putin den ukrainischen Konflikt mal eingehegt und mal angefacht. So zeigte Russlands Präsident aus seiner Perspektive der Welt erfolgreich, dass sein Land immer noch global dazwischenreden, mitkämpfen und überhaupt tun kann, was es will. Die russischen Großmachtfanatiker erfüllt das mit Stolz.

Den Gedanken, nach der Krim auch den Donbass und das Gebiet um Luhansk zu verschlucken, hat der Kreml schon seit Monaten fallengelassen. Zwar beschwor Putin im April vergangenen Jahres erstmals eine südöstliche Großregion Neurussland in der Ukraine. Für ihn wie für viele im Moskauer Establishment ist die Ukraine kein eigenständiger Staat, sondern ein Zufallsgebilde auf historisch russischem Boden. Doch Neurussland, das auf eine Provinz im Zarenreich zurückgeht, ließ sich nicht wie die Krim durch eine überrumpelnde Besatzertruppe einnehmen.

Ziel: Pufferstaat zum Westen

Heute sind die Stimmen aus Moskau, die auf eine Zerschlagung der Ukraine drängten, anscheinend in der Minderheit. Putin wollte keine Zersplitterung der Ukraine um ihrer selbst willen, zumal Russland die aus dem ukrainischen Staatsverband herausgeschleuderten Bruchteile gar nicht versorgen könnte. Und eine Ukraine ohne den Osten wäre letztlich viel homogener ukrainisch und handlungsfähiger. So viel Eigenständigkeit gefiele Putin gar nicht. Umso zufriedener kann er heute sein. Kiew trägt die Verantwortung, und Putin destabilisiert und regiert mit.

Dazu soll eine Moskauer Grundbedingung beitragen: eine ukrainische Verfassungsreform, die das politische System dezentralisiert. Der selbst ausgerufenen Donezker und Luhansker Volksrepublik stünde dann eine weitreichende Autonomie zu, die auch den Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union oder der Nato blockieren und andererseits eine regionale Mitgliedschaft im russischen Integrationsprojekt Eurasische Union erlauben könnte. In dieser Frage geben sich die russischen Regierenden, die Aktivisten für eine größere regionale Autonomie im eigenen Land mit dem Strafgesetz verfolgen, als überzeugte Föderalisten. Ziel ist ein formal fremdes Territorium unter Moskauer Kontrolle als Pufferstaat zum Westen.

Putin will einen Regierungssturz

Auch wirtschaftlich hätte eine Einigung in Minsk ihren Charme, wenn sie Russland zumindest von der dritten Stufe der westlichen Sanktionen erlösen würde. Immerhin hat das Moskauer Wirtschaftsministerium gerade eine Studie veröffentlicht, nach der die Hälfte der Inflation des vergangenen Jahres von 11,4 Prozent durch den geopolitischen Konflikt bedingt sei. Seit dem kurzzeitigen Rubelabsturz Mitte Dezember ist der Ukraine-Konflikt, der noch im November die Umfrageliste der wichtigsten Themen Russlands anführte, in der Meinung der meisten Russen gegenüber der Inflation und der allgemeinen Wirtschaftskrise in den Hintergrund getreten.

Dennoch ist die ökonomische Krise für Putin ein zweitrangiges Argument. Die dicken Kremlgardinen wirken beim Blick aus dem Fenster ins Land noch immer wie ein Weichzeichner: Öl und Gas verkaufen sich weiter, die Devisenreserven belaufen sich auf gut 380 Milliarden Dollar, der Waffenhandel floriert, alle bisherigen Krisen seit 2000 sind gut ausgegangen und die Bevölkerung opfert sich sowieso auf. Deshalb soll der aufgeflammte Krieg in der Ukraine Kiew nun zu einer Einigung zwingen: Minsk zwei, allerdings zu Moskaus verschärften Bedingungen.

Poroschenko zu Hause unter Druck

Für Moskaus Widerpart, Präsident Poroschenko, ist der Gang nach Minsk demütigend und gefährlich. Das erste Friedensabkommen sollte die Kämpfe und das Rückweichen der ukrainischen Armee stoppen und die Grenze zu Russland schließen. Gut fünf Monate später ist nichts davon erreicht. Die Rebellen haben vielmehr deutliche Landgewinne verzeichnet.

Die ukrainische Elite um Poroschenko steht dazu nicht stramm und stumm da, wie es im Kreml üblich ist. Kiews Hardliner sehen einen Waffenstillstand als nationale Schmach an. Poroschenkos Kritiker befürchten, dass gerade eine Föderalisierung der Ukraine der erste Schritt zum weiteren Auseinanderfallen des Landes sei. Wie soll Poroschenko einen Kompromiss zu Hause vermitteln?

Hier schimmert ein weiteres Ziel der Moskauer Politik durch: Der Friedensschluss und die folgende Verfassungsänderung zur Föderalisierung könnte die prowestlichen Kräfte in der Ukraine spalten, weitere separatistische Tendenzen fördern und einen Regierungssturz und vielleicht gar einen erneuten Regimewechsel in Kiew bewirken. Diesmal aber zu Moskaus Gunsten.