Unterlegt mit koranischen Gesängen wüten Anhänger des "Islamischen Staates" durch die weitläufigen Ausstellungsräume, stoßen einzigartige assyrische Statuen vom Sockel, schlagen ihnen die Köpfe ab und zertrümmern Reliefs mit Vorschlaghämmern und Pressluftbohrern. Einige der Täter in dem fünf Minuten langen Video aus dem Museum von Mossul tragen Bärte und traditionelle Galabiyyas, andere sind glattrasiert, in Jeans und T-Shirt. "Auch wenn diese Dinge hier Milliarden von Dollar wert sind, für uns sind sie absolut nichts", deklamiert einer der Bärtigen mit schwarzer Häkelmütze und erhobenem Zeigefinger in die Kamera. Das dürfte nicht ganz korrekt sein: Kulturell mögen den Dschihadisten die zerstörten Relikte nichts bedeuten, finanziell sieht es schon etwas anders aus.

Bereits kurz nach der Eroberung von Mossul im Juni 2014 hatten die IS-Gotteskrieger in der zweitgrößten Stadt des Irak Dutzende Moscheen und Kirchen in die Luft gesprengt, darunter das berühmte Mausoleum des Propheten Jonas, das jahrhundertelang als Wahrzeichen für die religiöse und kulturelle Verwobenheit der Region galt. Zuletzt jagten sie am Donnerstag die Rote Moschee im Stadtzentrum in die Luft, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. Im Januar plünderten sie die Universitätsbibliothek und zündeten die Zentralbibliothek von Mossul an. 8.000 unwiederbringliche Manuskripte verbrannten.

In dem jetzt verwüsteten Antikenmuseum bedrohten die Kämpfer kurz nach ihrem Einmarsch zunächst das verängstigte Personal und erklärten, man werde wiederkommen und alle Skulpturen zerstören, wenn ihr Kalif Ibrahim, alias Abu Bakr Al Baghdadi, dies per Fatwa befehle. Acht Monate später machten die IS-Barbaren nun ihre Ankündigung wahr: Neben altorientalischen Skulpturen im Museum von Mossul wurde auf dem nahe gelegenen Ausgrabungsgelände von Ninive unter anderem eine monumentale assyrische Hüterstatue zerstört.

Irak und Syrien als Paradiese für Plünderer

Es scheint jedoch, dass die Dschihadisten überwiegend die großen und monumentalen Stücke in Trümmer legten – für den Effekt ist das perfekt: Archäologen in Europa und den Vereinigten Staaten vergleichen die Barbarei von Mossul bereits mit der Zerstörung der Buddha-Figuren von Bamian 2001 durch die Taliban in Afghanistan. "Eine Tragödie und ein katastrophaler Verlust für Iraks Geschichte und Archäologie von unfassbaren Dimensionen", urteilte der syrische Historiker Amr al-Azm auf seiner Facebook-Seite.

Kleinere Ausstellungsstücke dagegen verschonten die IS-Vandalen, um damit ihre Kriegskasse zu füllen. Die von der Terrormiliz beherrschten Gebiete im Irak und in Syrien sind zum Paradies für Plünderer geworden. Experten wie der Bostoner Archäologe Michael Danti schätzen, dass nach den Ölverkäufen der Antikenraub mittlerweile die zweitwichtigste Einnahmequelle der Dschihadisten ist – noch vor den Lösegeldern für Geiseln. Danti dokumentiert im Auftrag des US-Außenministeriums die Kulturzerstörung in Syrien und Irak. Zahlreiche bewaffnete Gruppen und Einheimische vor Ort seien seit Jahren an dem Frevel beteiligt, sagt er. Das Ausmaß an Zerstörung durch den "Islamischen Staat" jedoch sowie die Dimension seiner Profite aus der Antikenhehlerei seien bisher ohne Beispiel.

Besonders gefährdet sind die vorislamischen Schätze Syriens und Mesopotamiens. In Syrien plünderten die Kämpfer des "Islamischen Staates" die Museen von Aleppo und Rakka, wo sie ihr Hauptquartier haben. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen wurden seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 fast 300 historische Stätten beschädigt, darunter die berühmte Kreuzritterburg Krak des Chevaliers, die römische Säulenstraße von Palmyra sowie die Altstadt von Aleppo. Die antike Stätte Apamea sieht auf Satellitenbildern aus wie eine Mondlandschaft, durchpflügt von Hunderten illegaler Grabungslöcher. Von den etwa 12.000 registrierten archäologischen Fundstellen im Irak liegen rund 1.800 im Machtbereich des "Islamischen Staats", darunter vier Hauptstädte der assyrischen Epoche sowie 250 Kulturbauten des Altertums. 100 Kilometer südlich von Mossul befinden sich zudem die gut erhaltenen Reste der antiken Stadt Hatra aus der Partherzeit, die ebenso zum Unesco-Menschheitserbe gehört wie die Tempelanlagen von Assur.

Professioneller Antikenhandel, mit Büros und Visitenkarten

Die geraubten Fundstücke werden mithilfe von Mittelsmännern über die porösen Grenzen in die Türkei sowie den Libanon geschmuggelt, wo spezialisierte Hehlerringe sie skrupellosen Kunden in Europa, den USA und den Golfstaaten anbieten. "Es ist absolut verblüffend", zitiert die BBC den Antikenfahnder Arthur Brand aus Amsterdam: "Der illegale Handel ist total professionell organisiert – mit Büros und sogar mit Visitenkarten."

Laut einer internen Buchhaltung der Dschihadisten, die dem irakischen Geheimdienst in die Hände fiel, brachte der Antikenraub dem "Islamischen Staat" allein in der Region Al-Nabuk westlich von Damaskus 36 Millionen Dollar ein, von delikaten Gläsern bis zu Bronzeschwertern, von Reliefs bis zu Marmorstatuen, darunter Stücke, die mehr als 8.000 Jahre alt waren. Da Raubgräber und örtliche Mittelsmänner nach Angaben westlicher Experten in der Regel zwischen 2 und 4,5 Prozent des internationalen Verkaufspreises erhalten und die Dschihadisten 20 Prozent Steuern erheben, beläuft sich der Schmuggelwert allein aus dieser einen syrischen Gegend auf mindestens 150 Millionen Dollar.

Insgesamt taxieren Unesco und Interpol das globale Volumen des illegalen Antikenhandels mittlerweile auf 6 bis 8 Milliarden Dollar. Und so verabschiedete der UN-Sicherheitsrat vor zwei Wochen erstmals eine Resolution gegen die global vernetzte internationale Kunstmafia aus Händlern und Käufern. Sie verpflichtete alle 193 Mitgliedstaaten, "geeignete Schritte" zu unternehmen "gegen den Schmuggel mit dem kulturellen Erbe von Syrien und Irak".