Ein neues Gruselwort erfüllt Europas Sozialdemokraten mit Schrecken: Pasokifikation. Geprägt von britischen Labour-Denkern im Londoner Thinktank Policy Network bringt es auf den Begriff, was bei der griechischen Wahl Ende Januar passiert ist: die als linkspopulistisch geltende Syriza-Partei hat klar gewonnen, die sozialdemokratische Partei Pasok ist abgestürzt: von 43,9 Prozent im Jahr 2009 auf 4,7. Und jetzt?

Ganz klar: Jetzt debattieren die politischen Strategen rechts und links der europäischen Mitte, wie sich der hellenische Erdrutsch auf die Gesamtszene der Alten Welt auswirken wird. Könnte, beispielsweise, in Großbritannien eine Abwanderung bisheriger schottischer Linkswähler in Labour-Hochburgen zur Scottish National Party oder zu den Greens wahlentscheidend sein? Kündigt sich im griechischen Exempel darüber hinaus der europäische Nord-Süd-Kulturkonflikt ("germanischer Norden" gegen "lateinischen Süden") an, von dem der italienische Philosoph Giorgio Agamben bereits vor zwei Jahren warnte? Werden sich Italien und Spanien ähnlich wandeln wie Griechenland, zumal es da bereits organisierte Syriza-Sympathisanten gibt? Wird der wortgewaltige Populismus der neuen griechischen Helden Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis zum Modell des Widerstands gegen die deutsche Dominanz in der EU?

Der Zufall wollte es, dass in Berlin wenige Tage nach dem Athener Knall eine internationale Konferenz von Sozialdemokraten und Gleichgesinnten stattfand. Ihr Vorhaben: Nachdenken und Reden über "progressive" Modelle für ein künftiges Europa. Stoff dafür hatten sie genug.

Wie weiter mit der Linken?

Zum Fortschrittspalaver eingeladen hatte Das Progressive Zentrum, eine international vernetzte SPD-nahe Denkfabrik. Das Thema der Tagung: Neue Allianzen für ein progressives Europa. Salopper formuliert: Wie geht's weiter mit der Linken? Aber auch: Wie sollen die Sozialdemokraten mit den neuen Mitspielern umgehen, die ihnen den alten Kiez streitig machen?

Der Hauptkandidat für einen zweiten "Fall Syriza" ist Spanien, ungeachtet der sozialkulturellen Unterschiede zwischen diesen beiden mediterranen Gesellschaften. So gibt es in Spanien keine starken rechtsradikalen Parteien wie in Griechenland. Aber es gibt eine tief verwurzelte linke Tradition in der Bevölkerung. Die war nicht zuletzt aufgrund der inneren Veränderung der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) allmählich heimatlos geworden. Doch im Gefolge der Banken- und Finanzkrise nach 2007 entstand im Land ein Klima des Unmuts und der Unruhe, ein Linksruck, der sich zwar nicht in Wahlergebnissen niederschlug, wohl aber in einer neuen Bereitschaft, gegen "die da oben" zu demonstrieren.

Über 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit: Da haben viele junge Leute Gründe, Anlass und Zeit, sich in gemeinsamem Zorn zu versammeln. Die Menschen auf der Puerta del Sol in Madrid waren sich dessen bewusst, dass auch auf dem Syntagma-Platz in Athen Tausende protestierten. Und inspiriert fühlten sie sich damals, 2011, sowohl vom arabischen Frühling wie von dem faszinierenden alten Widerstandsprediger aus Frankreich, Stéphane Hessel (Empört euch!). 

Spaniens Syriza heißt Podemos

Daran knüpft in Spanien die Bürgerbewegungspartei von links an: Podemos ("Wir können's"). Sie kommt aus der Bewegung der Indignados ("Empörten") von 2011. Profil: klassische Protestpartei. Sie stellt die nächste Herausforderung für Europas alte Arbeiterbewegung dar und zieht die Trennlinie des politischen Kampfes statt zwischen rechts und links zwischen oben und unten, zwischen den Menschen und den Eliten. Podemos fordert ein neues "System", und sieht sich selbst als die Repräsentantin desselben.

Der Kampf des jungen Politikwissenschaftlers Pablo Iglesias Turrión ist kein Klassenkampf alter Schule. Hier geht es um das Ganze: "das Volk" gegen die Herrschenden. Gegen das Machtkartell. Gegen la casta – "die Kaste".

Podemos nimmt die alten Parteien, voran die konservative Volkspartei (PP) und die sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) – PPSOE – in Kollektivhaftung für alles, was falsch läuft in Spanien: Wir-gegen-die-anderen ist die Grundhaltung. Der international erfahrene spanische Politikwissenschaftler Fernando Vallespín zieht in Madrid eine kritische Parallele: "Die führenden Leute bei Podemos pflegen ein Feindbilddenken nach dem Muster von Carl Schmitt. Sie sind die Guten, alle anderen, die alten Parteien, die Banker, die Manager, Journalisten, bilden la casta: 'die Kaste'. Damit haben sie Erfolg."

In der Tat: Aus dem Stand kam Podemos 2014, kaum gegründet, ins Europaparlament. Im Moment ist die Frage eigentlich nur: Kommt die Partei in Madrid als Erster oder als Zweiter ins Ziel? Die beiden spanischen Teilnehmer an dem Berliner Zukunftsgespräch der weniger radikalen "Progressiven" bemühten sich gar nicht um künstliche Zuversicht: "Wir haben keinen finanziellen Spielraum für seriöse Versprechungen", sagte der Mann aus der Zentrale. Im Wahlkampf ist daher nicht viel Musik drin. Die Abgeordnete sagte: "Wir haben aufgehört, attraktiv zu sein, wir sind nicht mehr sexy." Da gäbe es einiges zu tun. "Wir wechseln unsere Anführer. Aber was ist mit den Inhalten? In einigen Themen müssten wir deutlicher links stehen, in anderen liberaler sein." Denn man dürfe nicht vergessen: "Unser größtes Defizit ist Glaubwürdigkeit und Vertrauen."