In dieser Woche gab Wladimir Putin wieder einmal den Friedenspräsidenten. Ein weiteres Treffen mit den Staatschefs aus Deutschland, Frankreich und der Ukraine sei nicht erforderlich, sagte er im russischen Staatsfernsehen, dafür gebe es nach dem Abkommen von Minsk keinen Bedarf mehr. Es klang fast so, als laufe in der Ukraine nun alles nach Plan, als habe der russische Präsident mit dem Konflikt gar nichts zu tun. Er hoffe, sagte Putin, es werde nie zu einem Krieg zwischen der Ukraine und Russland kommen, ein solch "apokalyptisches Szenario" sei unwahrscheinlich.

Tatsächlich ist im vergangenen Jahr in der Ukraine vieles nach russischen Plänen gelaufen. Das zeigt ein Strategiepapier aus dem Februar 2014, das die russische Zeitung Nowaja Gazeta am Mittwoch veröffentlicht hat. 

Und in der Realität führt Russland längst Krieg gegen die Ukraine. Russische Soldaten sicherten im März 2014 die Annexion der Krim. Die Separatisten im Osten der Ukraine nehmen seit dem vergangenen Sommer nur deshalb Dörfer und Städte ein, weil das russische Militär sie mit Panzern und Raketenwerfern ausstattet. Zudem legten Recherchen jüngst nahe, dass Russland auch direkt in den Krieg eingegriffen hat. 

Hybride Kriegsführung nennen Militärexperten dieses Vorgehen. Es ist eine Mischung aus politischer Täuschung, militärischem Eingreifen und einer umfassenden Propaganda-Kampagne. Pläne für diese neue Art des Krieges müsste es schon länger vor der Krim-Annexion gegeben haben, schließlich überstürzten sich die Ereignisse vor einem Jahr derart, dass kaum von spontanem Handeln ausgegangen werden kann, vermuteten Beobachter. 

Als Ende Februar 2014 in Simferopol auf der Krim Soldaten auftauchten, die keine Hoheitsabzeichen an der Uniform trugen, aber genaue Anweisungen zu befolgen schienen, als die Telefon- und Internetverbindungen zum ukrainischen Festland gekappt wurden und als in weniger als drei Wochen ein Unabhängigkeitsreferendum organisiert und durchgeführt wurde, das Putin nur zwei Tage später unterzeichnete und das zur Eingliederung der Krim-Halbinsel in den russischen Staat führte, fragten sich Politiker, Journalisten und ukrainische Bürger: Wie kann das möglich sein?

"Verpflichtet zum Eingreifen"

Jetzt belegt das Strategiepapier (hier das Original in deutscher Übersetzung), dass es für ein solches Szenario tatsächlich Pläne gab. Vermutlich wird es mehrere solcher Strategiepapiere gegeben haben, es ist unwahrscheinlich, dass der Kreml sich allein auf eine Handlungsempfehlung stützte. Und sowohl in der Analyse als auch in Teilen der Vorhersage der Ereignisse irren die Autoren des Dokuments. Doch die Krim-Annexion, der Aufstand im Osten der Ukraine und die darauf abgestimmte Propagandastrategie – all das wird der russischen Regierung von den Autoren des Strategiepapiers nahegelegt. "Russland (ist) einfach dazu verpflichtet, sich in die geopolitische Intrige der europäischen Gemeinschaft, die sich gegen die territoriale Integrität der Ukraine richtet, einzumischen", heißt es darin.

Das Papier stammt aus der ersten Februarhälfte des vergangenen Jahres, als der damalige ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch noch im Amt war und sich der Volksaufstand auf dem Maidan in Kiew gerade erst zur Revolution wandelte. Damals existierte in Moskau offenbar eine einigermaßen genaue Vorstellung davon, dass sich Janukowitsch nicht mehr lange an der Macht halten würde, und was dann mit der Ukraine geschehen sollte. Vor allem benennt das Papier klar die Ziele, die durch russisches Eingreifen in der Ukraine erreicht werden sollten.

"Unter diesen Umständen bietet es sich an, mit den Schleuderkräften verschiedener Regionen des Landes regelrecht zu spielen, mit dem Ziel, ihren Beitritt zur Russischen Föderation in der ein oder anderen Weise zu erreichen. Die dominanten Regionen für solche Bemühungen sollten die Krim und die Region Charkiw sein", heißt es in dem Papier. Für Charkiw hat sich die Prognose der Strategen nicht erfüllt. Es gab dort mehrere Anschläge, aber keine so erfolgreiche Separatistenbewegung wie in Donezk oder Luhansk.

Sie beschreiben ansonsten detailliert, wie die Ukraine destabilisiert und gespalten werden soll, damit Russland seine Interessen im Nachbarland wahren kann. Unter anderem heißt es, die Einmischung sei nötig, "weil unser Land sonst nicht nur in Gefahr ist, die Ukraine als Absatzmarkt für Energieträger zu verlieren, sondern (...) auch die indirekte Kontrolle über das ukrainische Gasleitungssystem". Das gefährde die Stellung des russischen Energiekonzerns Gazprom in Zentral- und Südeuropa und füge der russischen Wirtschaft enormen Schaden zu.

Für den Anschluss der Krim an Russland mittels Referendum werden in dem Papier so konkrete Vorschläge gemacht, dass die anschließende rasante Umsetzung im Nachhinein weniger erstaunlich erscheint. Es sei "unabdingbar, den Volksabstimmungsprozess mit den Mitteln moderner Glaubhaftigkeit zu versehen (Web-Kameras, Onlineübertragungen). Ein vorläufiger Arbeitsplan liegt bereits vor und kann innerhalb von zwei Wochen umgesetzt werden". In der Realität dauerte es kaum länger.

Das Papier zeigt, dass die Vorstellung, Putin habe immer nur auf die jeweils aktuellen Ereignisse in der Ukraine reagiert, eine Fehleinschätzung war. Lange bevor ein russisches Eingreifen in den Konflikt offensichtlich wurde, waren die nächsten und übernächsten Schritte, die russischen Interessen und Ziele in der Ukraine, im Kreml offenbar Thema.