Ukrainische Kämpfer eines Freiwilligenbataillons im Donbass © Anatoli Boiko/AFP/Getty Images

Die Gewalt in der Ostukraine dauert trotz der Einigung beim Friedensgipfel in Minsk an. Binnen 24 Stunden seien mindestens elf Menschen getötet worden, teilten sowohl die ukrainische Armee als auch die Separatisten mit. Nach Angaben des Militärs wurden acht Soldaten getötet und 34 weitere verletzt. Die Stadtverwaltung der Rebellenhochburg Luhansk erklärte, die Stadt sei beschossen worden. Dabei seien drei Zivilisten getötet und fünf Einwohner verletzt worden.

Ein Sprecher der ukrainischen Armee sagte: "Es war keine ruhige Nacht im Donbass." Die Kämpfe würden mit derselben Intensität fortgesetzt wie vor dem Friedensabkommen, das am Donnerstag in der belarussischen Hauptstadt geschlossen worden war. 

Besonders heftig seien die Kämpfe in der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe, hieß es. Dort befindet sich ein Eisenbahnknotenpunkt, der die beiden wichtigsten Rebellengebiete um die Städte Donezk und Luhansk miteinander verbindet. Der Ort wird von ukrainischen Soldaten gehalten. Sie wurden nach Angaben des Militärs von den prorussischen Separatisten mit Raketen und Artilleriegeschossen angegriffen.

Nahe Luhansk, in der Stadt Schastye, wurden beim Beschuss durch Granaten zwei Menschen getötet und sechs weitere verletzt, meldete der Verwaltungschef Hennadiy Moskal. "Das Geschoss traf ein Café, in dem sich viele Menschen aufgehalten hatten", sagte er. Weitere Granaten seien in anderen Gebieten der Stadt eingeschlagen. "Die Wärmeversorgung der Stadt ist zusammengebrochen, Strom- und Wasserleitungen sind ebenso beschädigt."

Die Kiewer Regierung und die Rebellen hatten sich am Donnerstag auf ein Maßnahmenpaket zur Umsetzung der Minsker Verträge von Anfang September verständigt. Ab Sonntag um Mitternacht soll demnach in der Ostukraine eine Waffenruhe in Kraft treten. Zudem wurde der Abzug schwerer Waffen und die Einrichtung einer Pufferzone vereinbart.

Eine ebenfalls in Minsk vereinbarte Amnestie soll nach Darstellung des ukrainischen Außenministers Pawel Klimkin nicht für die Anführer der prorussischen Separatisten im Donbass gelten. Eine föderale Staatsordnung wie etwa in Deutschland oder Russland sei zudem nicht vorgesehen. Die Separatisten warfen der Kiewer Regierung vor, den Minsker Abmachungen auszuweichen.

Ukraine rechnet mit Bruch der Waffenruhe

Der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler, fürchtet, dass die Kämpfe bis zum Beginn der Feuerpause weitergehen werden. Es bestehe die Gefahr, dass Regierungstruppen und Separatisten sich gegenseitig noch Verluste beibringen wollen, sagte der SPD-Politiker im Bayerischen Rundfunk. Die Verbitterung darüber könne so groß werden, dass die Bereitschaft zum Waffenstillstand dann zu gering sei.

Auch der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrej Melnik, gibt dem Minsker Abkommen wenig Chancen auf Erfolg. "Nach all den Rückschlägen der letzten Monate und Tage haben wir keine Illusionen mehr", sagte er am Morgen im Deutschlandfunk. "Zu oft mussten wir erleben, dass alle Abkommen, die von Russland bis jetzt unterschrieben wurden, im Endeffekt nur ein Fetzen Papier geblieben sind." Die Ukraine habe viel mehr von dem Gipfel erwartet. "Aber letztendlich ist ein schlechter Frieden viel besser als ein guter Krieg."

Ein Sprecher des Präsidialamts in Moskau sagte hingegen nach Angaben der Nachrichtenagentur Ria, Russland gehe davon aus, dass die Vereinbarung umgesetzt werde. Die Teilnehmer des Minsker Gipfels stünden weiterhin in Kontakt.

Die EU will trotz des Abkommens von Minsk an ihren Sanktionen gegen Russland festhalten. Bereits beschlossene neue Strafmaßnahmen wie Einreiseverbote und Kontosperrungen würden an diesem Montag in Kraft treten, sagte Kanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel. Zudem seien neue Sanktionen nicht ausgeschlossen. "Wir halten uns alle Reaktionsmöglichkeiten offen", sagte Merkel am Donnerstagabend.