M03 heißt die Straße, auf der die Friedensbemühungen der wichtigsten Politiker Europas enden. Sie kommt aus Russland, führt quer durch das von Separatisten besetzte Gebiet im Osten der Ukraine, kreuzt die kleine Stadt Debalzewe und führt dann Richtung Westen. M03 ist eine von Tausenden ukrainischen Straßen, von Schlaglöchern zersetzt, sanierungsbedürftig. Aber wenn die Artilleriekämpfe um die Kontrolle von M03 nicht durch ein Wunder noch enden, wird sie in die Geschichte des Ukraine-Krieges eingehen. 

M03 ist der einzige Ausweg für die ukrainischen Soldaten im eingekesselten Debalzewe, die noch nicht gefallen oder gefangen genommen worden sind.

Mehr als 15 Stunden hatten Angela Merkel, der französische Präsident François Hollande und sein ukrainischer Kollege Petro Poroschenko auf der einen Seite sowie Wladimir Putin und die Separatistenführer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk auf der anderen Mittwoch verhandelt. Das Resultat war Minsk II. Ein Abkommen, das die Ergebnisse des ersten Minsker Friedensplanes aus dem vergangenen Sommer umsetzen sollte. In der Nacht von Samstag auf Sonntag sollte um 23 Uhr deutscher Zeit eine Waffenruhe in Kraft treten. Ab Dienstag sollte mit dem Abzug schwerer Artillerie aus der Kampfzone begonnen werden. So war der Plan. Keine Woche danach muss man feststellen: Er ist gescheitert.

Eine flächendeckende Waffenruhe gab es weder in den Vororten der Hafenstadt Mariupol im Süden der Kriegslinie, noch weniger in und um Debalzewe, dem einstigen 20.000-Einwohner-Ort, aus dem die Zivilisten entweder geflohen sind oder sich in Kellern verstecken.

Nach den entscheidenden Schlachten um Illowajsk und den Flughafen von Donezk steht Debalzewe nun für die dritte schwere Niederlage der ukrainischen Armee gegen die prorussischen Truppen. Die Folge wird voraussichtlich eine weitere Eskalation sein

"Die ganze Welt hält den Atem an", hatte Petro Poroschenko vor dem offiziellen Start der Waffenruhe gesagt und hinzugefügt: "Wenn ihr auf eine Wange einschlagt, werden wir euch nicht die andere hinhalten." Sollte der ukrainische Präsident zu seinem Wort nun stehen, wird er offiziell erklären, was seit Monaten Realität ist – den Krieg.

In der Ukraine wird vermutet, dass das in drei Schritten geschieht. Erstens: Das ukrainische Militär stellt eine Anfrage an den Präsidenten. Zweitens: Poroschenko unterschreibt das Dekret. Drittens: Das Parlament bestätigt die Ausrufung des Kriegsrechts. Alle vorhandenen Ressourcen der Ukraine, alle Wirtschaftskraft, jeder Reservist, alles, was das arme Land noch hat, dient dann der Kriegsführung.

"Die Hoffnung auf Frieden wurde zerstört. Leider halten sich die Separatisten nicht an das Minsker Abkommen. Was wir in Debalzewe erleben, zwingt uns dazu nun auch eine andere Option zu wählen", heißt es aus dem Präsidialamt in Kiew.

Natürlich wird dieser Schritt wenig an der Überlegenheit der prorussischen Truppen ändern. Das Kräfteplus liegt nach monatelanger Aufrüstung über die russische Grenze aufseiten der Separatisten. Durch die Einnahme von Debalzewe kontrollieren sie nun auch die wichtigste Eisenbahnverbindung im besetzten Gebiet. Weitere Hilfslieferungen aus Russland können künftig nicht nur auf der Straße, sondern auch im Zug in die selbst ernannte Volksrepublik kommen.

Was an diesem Tag nach dem Fall von Debalzewe bleibt, sind Fragen. Die Antworten darauf werden die Welt wieder den Atem anhalten lassen.  

  • Wie lange hält die ukrainische Armee an anderen Frontabschnitten noch durch?
  • Folgt auf Debalzewe Artemiwsk, die nächste Stadt auf der M03? Oder folgt Minsk III?
  • Wie reagieren die USA auf den Bruch des Waffenstillstandes?
  • Wird Putin nach dem Fall von Debalzewe anders Einfluss auf die Separatisten nehmen?