Der britische Ministerpräsident Harold Macmillan wurde einmal von einem jungen Journalisten gefragt, was das treibende Motiv seiner Außenpolitik sei. Herablassend erwiderte er: "Events, my boy, events" – Ereignisse. Kein Wort von Visionen, von Plänen, von Strategie. Kennedys Verteidigungsminister Robert McNamara sah die Dinge ähnlich: "So etwas wie Strategie gibt es nicht", pflegte er zu sagen. "Es gibt nur Krisenmanagement."

Die hektische Krisendiplomatie der zurückliegenden zehn Tage scheint den beiden Recht zu geben. Die Bundeskanzlerin spielte dabei die zentrale Rolle. Und sie erreichte, Schulter an Schulter mit Frankreichs Präsidenten, das im Augenblick Höchstmögliche: eine Feuerpause in der Ukraine. Vor allem jedoch stoppte sie damit das schlafwandlerische Driften in eine direkte bewaffnete Konfrontation der Vereinigten Staaten und Russlands.

Wie Bismarck 125 Jahre zuvor, so plagte Angela Merkel die Besorgnis, "dass trotz des besten Willens eine Fahrt auf falschem Geleise erfolgen könnte, auf dem es keine Umkehr vor der Katastrophe mehr geben könnte". Dementsprechend hat sie zusammen mit dem Bundesaußenminister gehandelt, hat mit "schlaflosem Takt, unbeirrbarer Gemütsruhe und Geduld, die keine Torheit, keine Provokation, keine Anrempelei erschüttern kann" (so Lord Salisburys Definition der Diplomatie) das Schlimmste erst einmal abgewendet.

Das Schlimmste wäre gewesen: keine Feuerpause. Lieferung amerikanischer Waffen und Rüstungsgüter an die ukrainische Regierungsarmee. Die Entsendung von Ausbildern und Militärberatern aus den USA in das zerrissene Land. Ein Stellvertreterkrieg zwischen den Atommächten Amerika und Russland, womöglich ein direkter militärischer Zusammenstoß zwischen ihnen. In Bismarcks Worten: das "falsche Geleise" in die Katastrophe.

Fürs Erste sind nun die Weichen in eine weniger desaströse Richtung gestellt. Doch steht die klassische Diplomatie seit jeher vor zwei Herausforderungen: zum einen, bewaffnete Konflikte zu verhindern, zum anderen jedoch, die Fundamente für gesicherten Frieden zu legen. Die Konfliktabwendung ist vorige Woche gelungen. Die Aufgabe jedoch, den Frieden auf eine verlässliche Grundlage zu stellen, fängt jetzt erst an.

Einen "Hoffnungsschimmer, nicht mehr und nicht weniger", sieht Merkel in Minsk II. Eine Erfolgsgarantie gibt es nach ihrer nüchternen Einschätzung nicht. In der Tat gestatten die nächtlichen Abmachungen der Konfliktparteien keinen Überschwang. Wohl scheint der Waffenstillstand im Großen und Ganzen zu funktionieren; und wenn Putin Wort hält, werden die ukrainischen Hitzköpfe, die Freischärler im Westen und die separatistischen Milizen im Donbass, mit ihren Scharmützeln das Vertragswerk von Minsk auch nicht aushebeln können. Indes stecken die Abmachungen von Minsk voller Vagheiten, Unklarheiten und Halbheiten.

Dabei geht es um Wahlen in der Ostukraine; um die Kontrolle der Grenze zu Russland; um eine neue Verfassung, die den "Volksrepubliken" Luhansk und Donezk einen Sonderstatus einräumt, aber die territoriale Integrität des ukrainischen Staates wahrt; schließlich um die Details einer Amnestie. Das alles birgt viel Sprengstoff. Über jeden Punkt muss einzeln verhandelt werden. Dabei hat sich erst noch zu erweisen, ob die Diplomatie auch ihrem zweiten Auftrag gerecht werden kann: der Friedensstiftung.

Zum guten Teil wird dies abhängen von einem einzigen Mann: Wladimir Putin. An ihm liegt es, ob es mehr Sanktionen gibt oder weniger; ob Waffenlieferungen trotz aller Bedenken stattfinden werden oder ob das Wettrüsten der Bürgerkriegsparteien beendet wird; ob ein reset, ein Neustart in den Beziehungen zum Westen möglich werden kann oder ob, um den Begriff des US-Vizepräsidenten Biden zu zitieren, reassertion – die Wiederbehauptung, also im Grunde eine Verhärtung – zur Leitlinie wird.

Die Frage ist: Wird Putin weiterhin die Ukraine destabilisieren wollen? Den Westen herausfordern durch neue territoriale Anschläge? Ihn als "Reich des Bösen" anprangern, als Hort der Dekadenz, dem Verfall und dem Niedergang geweiht? Oder wird er angesichts der wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten Russlands die Verwirklichung des zweiten Minsker Abkommens als gesichtswahrende Chance nutzen, der Isolierung zu entgehen und wieder Anschluss an Europa zu gewinnen – Last Exit Peace?

Es ist jede diplomatische Anstrengung wert, ihm dabei Hilfestellung zu leisten. Dass dank des Einsatzes der Kanzlerin die Waffen schweigen, ist ein erster Erfolg. Die friedliche Lösung der Ukraine-Krise steht nun als nächstes auf der Dringlichkeitsliste. Sie würde auch die Gestaltung eines konstruktiven Verhältnisses zu Moskau, die Schaffung einer zukunftsträchtigen Ordnung zwischen Lissabon (oder besser noch: Vancouver) und Wladiwostok ermöglichen.

Nach dem Krisenmanagement ist die Staatskunst gefragt. Auch hier gibt es keine Erfolgsgarantie. Bismarcks schönes Wort erinnert uns daran: "Der Mensch kann den Strom der Zeit nicht schaffen und nicht lenken, er kann nur darauf hinfahren und steuern, mit mehr oder weniger Erfahrung und Geschick, kann Schiffbruch leiden und stranden und auch zu guten Häfen kommen."

Angela Merkel weiß dies. Aber sie weiß auch, dass man es immer wieder versuchen muss, mehr zu tun, als nur das Schlimmste zu verhindern.