Der Morgen in Washington diente vor allem einem Ziel: Geschlossenheit zu demonstrieren. Barack Obama gratulierte Angela Merkel vor laufenden Kameras zu ihrer lang andauernden Amtszeit, dem deutschen Volk zum 25. Jahrestag der Einheit – und der Fußballnationalmannschaft zum Weltmeistertitel. "Aber auch wir werden von Jahr zu Jahr stärker, also nehmt euch in Acht", schob der Präsident scherzend hinterher. Spannungen, so die Botschaft von Obama, gibt es zwischen ihm und der Kanzlerin nicht.

Die vergangenen Tage zeichneten ein anderes Bild. Während in den USA offen über Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert wurde, machte die Kanzlerin am Wochenende noch einmal klar, dass ein militärisches Aufrüsten nur zu einer weiteren Eskalation führe. Zwei Positionen, die für viele Beobachter unvereinbar schienen.

Bei der Sicherheitskonferenz in München hatten sich führende republikanische Vertreter am Samstag öffentlich entsetzt gezeigt angesichts der eindeutigen Position der Kanzlerin. "Sie untergräbt die möglicherweise letzte Chance des ukrainischen Volkes, sein Land zu retten", sagte Senator Lindsey Graham aus South Carolina. Der frühere Präsidentschaftskandidat John McCain nannte Merkels Position "inakzeptabel" und "fürchterlich falsch".

Am Montag sollte es deshalb freundschaftlich zugehen. Die Regierungschefs betonten die gemeinsamen Erfolge der vergangenen Jahre, die wirksamen Sanktionen gegen den Iran, die Stabilisierung der Lage in Afghanistan. Geschlossenheit zwischen den USA und seinen Verbündeten, so der Präsident, sei "das wichtigste Signal, das wir an Moskau senden können". Auch die deutsche Geschichte selbst diene als Beispiel dafür, wie diplomatischer Druck und Ausdauer zum Erfolg führen könnten. 

Selbst als eine deutsche Journalistin die Unstimmigkeiten im NSA-Skandal in Erinnerung ruft, lassen sich Merkel und Obama nicht aus der Ruhe bringen. Die USA, sagte die Kanzlerin versöhnlich, versorgten Deutschland nach wie vor mit Informationen, die für die eigene Sicherheit unentbehrlich seien. Verbliebende Unstimmigkeiten, ergänzte Obama, würde man aus dem Weg räumen, wie es "zwischen Freunden" üblich sei. 

Im seinem eigenen Land bröckelt die Zustimmung für einen diplomatischen Ansatz zunehmend. Vor allem Konservative drängen darauf, die Regierung in Kiew mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Sie kritisieren, das Zögern des Präsidenten stärke Putin und zeige, dass die USA es nicht besonders ernst meinten. Merkels Position sei für Obama "bequem" und biete dem Präsidenten eine gute Entschuldigung, sich gegen eine militärische Aufrüstung zu entscheiden, so der republikanische Senator Bob Corker aus Tennessee. "Ich hoffe sehr, dass dies nicht der Fall sein wird."

Die vielleicht wichtigste Entscheidung in Obamas Amtszeit

Auch bei den Demokraten werden die Stimmen lauter, die ein Eingreifen befürworten. Neben Vizepräsident Joe Biden deutete auch Außenminister John Kerry ein Umdenken an. "Wir können unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass Panzer von Russland aus über die Grenze in die Ukraine rollen und sogenannte unabhängige Separatisten in den Kampf mit Kiew geschickt werden", sagte der Außenminister. Selbst die liberale Washington Post sprach sich in einem Kommentar für eine militärische Option aus. Die Logik der Deutschen scheine es zu sein, dass nur Russland berechtigt sei, seine Ziele mit Gewalt zu verfolgen. Die Kanzlerin lasse dem ukrainischen Präsidenten mit ihrem Nein zu Waffenlieferungen kaum eine andere Wahl, als sich dem Kreml geschlagen zu geben. An den Erfolg der diplomatischen Bemühungen von Merkel glauben nur noch wenige.

Obamas neuer Mann an der Spitze des Pentagons machte seinen Kurs schon vor der Ankunft der Kanzlerin deutlich. "Wir müssen die Ukraine dabei unterstützen, sich zur Wehr zu setzen", sagte Ashton Carter in einer Anhörung vor einem Kongressausschuss Ende der Woche. Er neige "sehr stark" dazu, Waffen nach Kiew zu schicken, um dieses Ziel zu erreichen. Nur wenig später wurde der künftige Verteidigungsminister vom Weißen Haus allerdings zurechtgewiesen. Eine Entscheidung in dieser Frage, hieß es von Sprecher Josh Earnest, treffe immer noch der Oberbefehlshaber. Für Obama könnte diese zur wichtigsten Entscheidung seiner Amtszeit werden, kommentierte der US-Sender CNN.

Am Montag blieb sie aus. Auf Nachfragen der anwesenden Journalisten, ob Waffenlieferungen infrage kämen, falls eine neue Runde an Sanktionen wirkungslos bliebe, reagierten der US-Präsident und die Kanzlerin ausweichend. Sie würde es sich nicht verzeihen, sagte Merkel, "wenn ich nicht alle Mittel ausgeschöpft hätte". Man warte nicht auf einen bestimmten Moment, in dem eine Entscheidung getroffen werde, sondern analysiere die Lage kontinuierlich, sagte Obama. Er habe seine Berater gebeten, sämtliche Optionen zu prüfen, ließ der Präsident verlauten. Egal, was dann entschieden werde – man werde es zusammen tun.