Tag eins der in Minsk beschlossenen Waffenruhe ging zu Ende, als ich mit deutschen Reportern in der ostukrainischen Stadt Artemiwsk zusammensaß. Zu dem Zeitpunkt waren nur sehr wenige deutsche Journalisten dort, aber Artemiwsk – etwa 50 Kilometer von Debalzewe entfernt – ist nicht groß, man läuft sich oft über den Weg. Jede von uns war an diesem Tag nahe der Front unterwegs gewesen und hatte ähnliches zu berichten: Es knallte. Nicht ab und zu mal, ständig war an diesem Tag Artillerie zu hören, wenngleich viel weniger als in den Tagen zuvor.

Doch eine Verbesserung der Situation macht noch keine Waffenruhe, und an diesem ersten Tag wurde nicht nur nahe Debalzewe geschossen: Mein Team und ich waren mittags Augenzeugen, wie ein ukrainischer Checkpoint in Richtung Grenze von Luhansk von Gradraketen beschossen wurde.

Die amerikanischen Medien waren in ihren Formulierungen vorsichtig, die deutschen wollten eindeutiger sein. "Waffenruhe hält", "Waffenruhe wird eingehalten", "Waffenruhe scheint zu halten" war zu lesen. Was ja nicht falsch war, selbst die Beobachtermission der OSZE, in die Verhandlungen um die Waffenruhe einbezogen, hielt offiziell an der Sprachregelung fest. Ja, es gebe Ausnahmen, vor allem im Hinblick auf Debalzewe, aber alles in allem halte die Waffenruhe.

Minsk II, von den Deutschen mitverhandelt, ist ein Erfolg – das war die Lesart, die man mehr als 2.000 Kilometer von der Front entfernt durchzusetzen versuchte, doch das hatte nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die wir Reporter vor Ort erlebten. Der Erfolg von Minsk, das war politisches Wunschdenken, ist es selbst jetzt noch. Debalzewe ist in heftigen Kämpfen offenbar von den Separatisten erobert worden, wieder wurde die Front zu Ungunsten der Ukrainer verschoben, wieder muss es – wohl auf beiden Seiten – furchtbare Verluste gegeben haben. Von etlichen ukrainischen Soldaten weiß man, dass sie gefangen genommen worden sind, bei anderen wiederum ist das Schicksal ungewiss.

Niemand weiß, ob es bei der Eroberung von Debalzewe bleibt oder ob sich die Kämpfe nicht weiter in den Norden des Donbass fressen. Und doch heißt es: Es gebe Verstöße, aber man halte an dem Abkommen fest.

Minsk, das ist ein Lehrstück der politischen Inszenierung. Weil es so wichtig ist, dass die Kämpfe in der Ostukraine aufhören, dass dieses Töten endlich endet, hält man an dem Abkommen fest. Es ist der letzte Versuch, mittels Diplomatie für Ruhe zu sorgen. Es ist der kleine Rest einer politischen Hoffnung, oder, wie es ein frustrierter ukrainischer Oberstleutnant schon am ersten Tag der offiziellen "Waffenruhe" sagte: "Europa und USA tun nur so, als würden sie Putin glauben, weil es bequemer für sie ist. Würden sie anerkennen, dass er lügt, dann müssten sie handeln."

Die Ansichten darüber, wie man handeln sollte, liegen allerdings weit auseinander. In der Logik der Amerikaner hieße Handeln: Waffen an die Ukrainer liefern. In der Logik der Ukrainer: Waffen liefern und die neu verschobene Grenze durch einen EU-Polizeieinsatz sichern. In der Logik der meisten Europäer hingegen: auf keinen Fall Waffen in diesen Konflikt pumpen, und, falls Minsk II scheitert, noch ein paar Sanktionen zusätzlich verabschieden, mehr aber nicht.

Der Konflikt ist nicht nur zwischen Ukraine und Separatisten von Asymmetrie geprägt, sondern auch zwischen Europäern und Russland: der Wille zu Verhandlungen auf der einen Seite, der Wille zur Eskalation auf der anderen.

Deshalb kann nicht sein, was nicht sein darf – auch wenn die Wirklichkeit noch immer nach schwerer Artillerie klingt, mit deren Abzug eigentlich schon hätte begonnen werden müssen. Auch wenn sie noch immer Opfer verlangt, die es eigentlich nicht geben dürfte, weil offiziell nicht gekämpft wird. Auch wenn sie eine territoriale Grenze zieht, die bereits überschritten ist.

Sich einzugestehen, dass der Krieg weitergeht, würde bedeuten, sich die eigene Hilflosigkeit einzugestehen. Also hält man an dem Minsker Abkommen fest, obwohl es gescheitert ist, genauso wie das erste.