In der Nähe von Artemiwsk: ukrainische Soldaten, die in Debalzewe gegen die Separatisten gekämpft haben. © Gleb Garanich/Reuters

Erst die Krim und jetzt der Donbass. Ukrainer in der deutschen Diaspora fühlen sich in der Pflicht, ihre Landsleute gegen die militärische Übermacht der von Russland ausgerüsteten Separatisten zu unterstützen. Daran ändert auch die jüngst von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ausgehandelte Waffenruhe nichts. Nirgendwo in Europa gibt es außerhalb ihres Heimatlandes mehr Ukrainer als in Deutschland. Entgegen des Primats der Diplomatie, mit dem die Bundesregierung den Konflikt lösen will, setzen sie allerdings überwiegend auf eine militärische Lösung.

Am Anfang war es humanitäre Hilfe für die notleidende Bevölkerung und die Flüchtlinge des Donbass, die von Deutschland aus in die Ukraine ging. Mit der Militarisierung des Konflikts richten die Helfer ihre Sammlungen immer stärker nach den Bedürfnissen der Kämpfer aus. Irina Groenow von der ukrainischen Gemeinde in Frankfurt berichtet, wie sie mit Gleichgesinnten einen 22-jährigen ukrainischen Soldaten von Kopf bis Fuß für die Front ausgestattet hat. Er habe seinen Bedarf an Ausrüstung auf Facebook annonciert, "und jetzt war er schon fünfmal an der Front", sagt Groenow stolz.

Allein von der Mainmetropole aus steuern Privatleute ein halbes Dutzend Gruppen, die via Facebook Spender suchen. Soldaten äußern konkrete Wünsche, die ihnen von den Helfern in Deutschland erfüllt und von freiwilligen Boten überbracht werden. Von harmlosen Spendenaufrufen für Matratzen oder Taschenlampen bis zur martialisch klingenden Aufforderung: "Wir sammeln für ein Nachtsichtgerät, damit unsere Helden die Feinde aufspüren können."

18-jähriger Münchner auf dem Weg an die Front

Helme, Schutzwesten oder Nachtsichtgeräte sind an der Front besonders gefragt. Nach den Ausfuhrbestimmungen der Bundesregierung gelten sie als Rüstungsgüter und dürfen nur mit einer Genehmigung exportiert werden. Für die Ukraine dürfen grundsätzlich keine Ausfuhrgenehmigungen erteilt werden, weil dort gekämpft wird und die Bundesregierung auch indirekt nicht militärisch in den Konflikt eingreifen will.

Angesichts der vielen Sammlungen und der in den sozialen Medien dokumentierten Übergaben von Rüstungsgütern an Soldaten dürfte es zumindest in der Vergangenheit zu Verstößen gekommen sein. "Die Zollverwaltung ist bei der Kontrolle von Waren in Richtung Ukraine derzeit in besonderer Form sensibilisiert", erklärt das für die Ermittlung von Ausfuhrverstößen zuständige Zollkriminalamt Köln auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Allerdings reiche der bloße Aufruf zur Sammlung von Waren nicht aus, um strafrechtliche Ermittlungen zu beginnen.

Doch die Hilfe endet nicht bei der Lieferung von Rüstungsgütern. Das Beispiel des 18-jährigen Dimitri aus München zeigt, wie weit die Einsatzbereitschaft einzelner Ukrainer geht. Ein Team des ARD-Magazins Panorama hat den Gymnasiasten von der bayerischen Landeshauptstadt bis in ein militärisches Ausbildungslager eines Freiwilligenverbandes im westukrainischen Winnyzja begleitet. Dimitri hat die Schule zwei Jahre vor dem Abitur abgebrochen, "um meine alte Heimatstadt Donezk von den russischen Terroristen zu befreien". In vier Wochen Ausbildung soll er fronttauglich gemacht werden. Auch ideologische Schulungen gehören dazu, allerdings mit höchst fragwürdigem Hintergrund. Sein Bataillon Una-Unso gilt als antisemitisch und antirussisch. Wie er zu diesem rechtsextremen Bataillon kam, will Dimitri nicht sagen. Möglicherweise sprechen Rekrutierungskader junge Ukrainer in Deutschland gezielt über soziale Medien an. So unterhält etwa das Bataillon Asow einen eigenen Kontaktmann für Freiwillige aus dem Ausland, die auf der Seite der rechtsextremen Miliz für die Ukraine kämpfen wollen.  

Kampfverbände ohne Interesse an politischer Lösung

Wem an einer politischen Lösung des Ukraine-Konflikts gelegen ist, der sollte die Verbindungen zwischen der Diaspora und rechtsextremen Freiwilligen-Verbände nicht auf die leichte Schulter nehmen. "Es gibt einen grenzübergreifenden Appell an das Nationalgefühl zwischen der Ukraine und den Diaspora-Ukrainern", beobachtet Tarik Cyril Amar. Der Historiker von der Columbia-Universität New York sieht eine Gefahr darin, dass die rechtsextremen Kampfverbände im Krieg "ihr politisches Kapital ausbauen" können. Schon deswegen hätten sie kein Interesse an einer schnellen politischen Lösung.

Die Hilfe der Ukrainer in Deutschland für ihre Landsleute wird so lange weitergehen, wie es der Krieg und die wirtschaftlich instabile Lage notwendig machen. Niemand bestreitet dabei die Notwendigkeit, humanitäre Hilfe zu leisten. Auch der Pfarrer der Frankfurter Cyriakus-Gemeinde, Ernst-Detlef Flos, hat dafür großes Verständnis. Doch die Grenze zur militärischen Hilfe wurde seiner Meinung nach überschritten, als er an Weihnachten in der Sakristei eine Spendenbox mit der Aufschrift "Für die ukrainische Armee" fand. Seine evangelische Gemeinde ermöglicht der kleinen ukrainisch-orthodoxen Gemeinde, in ihrer Kirche Gottesdienste abzuhalten. "Es geht nicht, dass in unserer Kirche für kriegerische Zwecke gesammelt wird", sagt der überzeugte Pazifist Flos. Die Cyriakus-Gemeinde suchte das Gespräch und hat den Ukrainern solche Sammlungen inzwischen untersagt, ein neuer Passus im Mietvertrag soll dies regeln. Was die Gemeinde außerhalb der Gastkirche macht, stand nicht zur Debatte.