© Nicole Sturz

In den Vereinigten Staaten von Amerika tobt seit einiger Zeit ein hierzulande wenig beachteter ideologischer Streit. Er dreht sich um die Wahrnehmung und Interpretation der eigenen Geschichte, genauer gesagt: um die Bedeutung und Deutung des sogenannten American exceptionalism, des amerikanischen Exzeptionalismus.

Dieser Begriff umschreibt nicht nur die Sonderstellung der Vereinigten Staaten im Konzert der westlichen Industrienationen, sondern unterstreicht überdies für viele Amerikaner den besonderen Wert und die Einzigartigkeit ihrer Nation. Vor allem Konservative sehen diesen für sie geradezu heiligen Glaubensgrundsatz derzeit wieder einmal in Gefahr.

Grund dafür ist eine im Sommer 2014 vom nationalen College Board erlassene Rahmenrichtlinie für Geschichtsleistungskurse an den öffentlichen amerikanischen Schulen. Danach sollen sich Schüler häufiger als bisher kritisch mit Amerikas Vergangenheit auseinandersetzen. Vor allem sollen sie in den Stand versetzt werden, "zu untersuchen, in welcher Weise amerikanische Außenpolitik und Militäraktionen sich auf den Rest der Welt ausgewirkt haben".

Der Streit ist keine amerikanische Nabelschau

Die Konservativen sehen darin einen weiteren Versuch von Obama und seinen Demokraten, Amerika zu verunglimpfen. Wo sie nur können, machen sie darum Front gegen die neuen Lehrpläne. Der Streit darüber wird unter anderem in den Schulbezirken und Parlamenten der US-Bundesstaaten Oklahoma, South Carolina, Texas und Colorado ausgetragen. 

In Jefferson County, Colorado zum Beispiel protestierten im vergangenen Jahr Schüler und Eltern wütend gegen die Einflussnahme konservativer Politiker auf die Lehrinhalte des Geschichtsunterrichts. Umgekehrt beschlossen die mehrheitlich konservativen Abgeordneten von Oklahoma in der vergangenen Woche, Zuschüsse für die ihrer Ansicht nach völlig unpatriotischen Unterrichtsvorgaben aus Washington zu streichen.

Natürlich lässt sich fragen: Was muss uns das hierzulande interessieren? Doch der Streit ist keine bloße amerikanische Nabelschau. Er betrifft Amerikas Rolle in der Welt. Und er sagt viel aus über die Selbstwahrnehmung dieser immer wieder in Kriege verstrickten Supermacht. Außerdem bezeugt dieser Disput auch die tiefe Gespaltenheit der amerikanischen Nation über die Präsidentschaft Barack Obamas.

Obama wird als unamerikanisch bezeichnet

Besonders die Rechten sehen in ihm nicht nur einen politischen Gegner, sondern einen Feind. Obama ist für sie in fast allem, was er denkt und tut, nicht nur ein "Linker" oder "Liberaler", sondern ein "Fremder", ebenso unpatriotisch wie unamerikanisch.

Diese abgrundtiefe Abneigung begann, als Obama im Wahlkampf 2007/2008 zunächst nicht wie alle anderen Kandidaten eine Anstecknadel mit der US-Flagge am Revers trug. Sie setzte sich fort, als der frisch gebackene Präsident auf seiner ersten Auslandsreise 2009 einem Journalisten auf die Frage, ob Amerika auch für ihn, den 44. Präsidenten, eine einzigartige Nation sei, ziemlich unprätentiös antwortete: Nicht "exzeptioneller" als für die Briten Großbritannien oder für die Griechen Griechenland. Für Rechte sind solche Worte Verrat.

Vor ein paar Wochen stellte Obama seine neue Nationale Sicherheitsstrategie vor. Sie setzt in internationalen Krisen in erster Linie auf militärische Zurückhaltung, auf die Zusammenarbeit mit Verbündeten und – wie die unter Amerikas Konservativen äußerst verpönten Europäer – auf "strategische Geduld".  Auch dieses Bekenntnis nährt den Verdacht der Obama-Gegner, der Präsident verachte in seinem Innersten Amerikas Weltmachtrolle und habe keinerlei Verständnis für die Einzigartigkeit und das Streben nach Dominanz.   

Angriff auf Amerikas Exzeptionalismus

Darum begehren auch so viele Rechte gegen die neuen Rahmenrichtlinien für den Geschichtsunterricht auf. Sie sehen in der Aufforderung, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen einen fundamentalen Angriff auf Amerikas "Exzeptionalismus". Die Vereinigten Staaten, wettern sie, würden nicht mehr als "einzigartig tugendhaft" dargestellt, sondern als ein durch und durch gewöhnliches Land, fehlerhaft, irrend und unvollkommen wie andere.

Doch so absolut sollte dieser "Exzeptionalismus" nie sein. Gemeint war damit im Kern eine Nation, die in der Tat auf ziemlich einzigartige Weise von Einwanderern höchst disparater Herkunft, Religion, Ethnie und politischer Überzeugung gegründet wurde. Ein Land, dem es nichtsdestotrotz gelang, aus dieser oft zerstörerischen Vielfalt eine Einheit zu schaffen und eine Nation zu formen, die sich zu Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit bekannte und damit in alle Welt hinausstrahlte.

Einzigartigkeit durch Selbstkritik

Aber dieses Bekenntnis zum amerikanischen Exzeptionalismus sollte niemals in Überheblichkeit umschlagen. Der gemeinsame Glaube an die eigene Einzigartigkeit war der Kleister, der diese stets von Selbstzweifeln geplagte Nation immer wieder zusammenhielt und ihr jedes Mal neue Festigkeit verlieh. Die maßlose Arroganz und die Behauptung, allen anderen in der Welt überlegen zu sein, sind erst neueren Datums.

Nach dem Willen der geistigen Väter sollte dieser Exzeptionalismus nie unanfechtbar sein. Im Gegenteil, jeder sollte jederzeit heftig mit ihm ringen. Die Einzigartigkeit musste immer wieder aufs Neue gerechtfertigt werden – gerade auch durch die Bereitschaft zur Selbstkritik und Selbstkorrektur.

An wortmächtigen Kritikern der amerikanischen Geschichte hat es nie gemangelt. Doch die konservative Versuchung, sie bereits in der Schule mundtot zu machen, ist fatal.