Putin ist den Europäern im Ukraine-Konflikt geographisch und strategisch überlegen. Das war zu Beginn der Krise vor einem Jahr so, und das ist weiterhin der Fall. Die Ukraine ist ein Heimspiel für ihn, für den Westen ist es ein Auswärtsspiel unter widrigsten Bedingungen.

Die Waffenlieferungen würden an dieser Lage wenig ändern. Aber sie gelten neuerdings als Ausweg aus der Lage. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz warfen amerikanische Senatoren Kanzlerin Angela Merkel vor, die Ukraine im Stich zu lassen. Die bittere Wahrheit ist aber, dass der Ukraine mit Westwaffen allein gar nicht geholfen wäre. Stattdessen würden die Waffen viele neue Probleme schaffen.

Waffen an die Ukraine würden Europa auseinandertreiben. Vor der EU liegen schwere Wochen im Streit um die griechischen Forderungen nach dem Ende des Sparkurses. Nach der kompromisslosen Rede von Premier Tsipras gestern im Parlament ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass diese Krise im "Graccident" enden kann – im unbeabsichtigten Ausscheiden des Landes aus der Eurozone. Abwehrraketen und Kettenfahrzeuge an Kiew wären in diesen schwierigen Tagen ein zusätzlicher Test auf die Einheit der EU. Vielleicht ein Test zu viel.

Mit Waffen an Kiew hätte Putin den Westen endlich dort, wo er ihn braucht. Mitten in der Ukraine, mit schweren Waffen, mit den wohl nötigen militärischen Ausbildern, mit der Unterstützung der ukrainischen Armee. Diese nannte Putin schon vor Kurzem eine Fremdenlegion der Nato. Doch fehlten die Beweise. Seine Propagandamaschinerie wird die Belege genüsslich in alle Erdteile tragen. Und die Welt jenseits des Westens wird sich wundern, warum bloß Amerikaner und Europäer diesen Stellvertreterkrieg führen.

Mit Waffen in der Ostukraine hätte Putin den Konflikt, den er schon seit einem Jahr herbeiredet: die direkte Auseinandersetzung mit dem Westen. Aber zu seinen Bedingungen. Mit Tricksen, Täuschen und Vorpreschen in der Ukraine ist er seit Langem vertraut. Putin schickt seine besten Truppen in die Schlacht. Auf der anderen Seite stünden die halb schlecht, halb recht ausgebildeten ukrainischen Soldaten. Wann immer es ihm genehm erscheint, kann Putin mehr Waffen und Truppen schicken. Er besitzt, was die Strategen Eskalationsdominanz nennen: die Fähigkeit, den Krieg jederzeit nach Belieben zu verstärken oder zu beruhigen – und dabei dem Westen trotzdem drei Schritte voraus zu sein.

Für Putin geht es um alles

Mit westlichen Waffen in der Ukraine würde sich an den grundsätzlichen Kräfteverhältnissen nichts ändern. Für Putin geht es in diesem Konflikt um alles: die "heilige Krim", das "heilige Kiew", sein persönliches Verbleiben an der Macht, das er auf diesen Krieg gegründet hat. Für den Westen geht es nur um die Ukraine, die weder Teil der EU noch der Nato ist. Wer von beiden Seiten ist wohl zu größeren Opfern bereit?

Wer Kiew direkt aufrüsten will, muss die Eskalation bis zum möglichen Ende denken und sich fragen: Wie weit ist der Westen bereit zu gehen? Das schließt die Frage von Nato-Truppen in der Ukraine ein wie auch die Frage eines direkten Kriegs mit Russland. Und gewiss würden die meisten Befürworter von Waffenlieferungen diese Fragen mit nein beantworten.

In dieser Lage ist Merkels Mission, mit Putin zu verhandeln, völlig richtig. Der Westen wird weiter reden müssen und den Druck für Russland auf anderen Ebenen erhöhen: diplomatisch, politisch und wirtschaftlich. Mit Waffenlieferungen allein lassen sich die realen Kräfteverhältnisse nicht ändern. Die Gefahr ist groß, dass am Ende nur eine Niederlage auf höherem Niveau steht – mit viel mehr Opfern.

Westliche Waffen könnten der Ukraine doch helfen, meint ZEIT-ONLINE-Redakteur Steffen Dobbert. Seine Replik auf diesen Kommentar lesen Sie hier.