Chronologie - Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zur Hilfe für Griechenland

Die ganze Welt redet über die Krise: Europa, Griechenland, Troika, Rettung, Milliarden, Schulden. Nur bei manchen hört man genauer hin. Zum Beispiel bei Finanzminister Wolfgang Schäuble, dem Mann, der die deutschen Steuereinnahmen verwaltet und an diesem Freitag mit seinen Worten den Bundestag überzeugen will. Schäuble ist ein Mann von großer Ernsthaftigkeit und beiläufigem Witz. Er sagt auch viel, wenn er etwas nicht sagt. Und mindert manchmal die Wirkung dessen, was er zu häufig erwähnt. Das ist die Aufgabe eines Berufsrhetorikers in Zeiten der Eurokrise.          

Wir haben uns fünf seiner zentralen Bundestagsreden zur Schuldenkrise genauer angesehen und unter streng wissenschaftlichen Kriterien eine Strichliste angelegt. Statistisch unwiderlegbarer Datenjournalismus in seiner archaischsten Form. Es geht schließlich um Grundsätzliches. Welche Wörter hat Deutschlands Minister in seinen Reden wie oft verwendet? Was sagt das über Schäubles Krisen-Wording? Der Befund: Er hat gelernt, sich gewandelt, neue Schlüsse gezogen und sich doch immer an einer alten Konstante festgehalten.

Krise

Kein schönes Wort, eines das man aushusten muss und das so unangenehme Gefühle verbreitet wie die Grippewelle. Aber manchmal muss man die Dinge beim Namen nennen. Als der Bundestag im Frühling 2010 (Balken 1) eilig das erste Rettungspaket über 110 Milliarden Euro für Griechenland freigeben soll, spricht Schäuble in seiner Rede sechs Mal von der Krise. Ein Jahr später hat sich die Lage noch dramatisch verschlechtert: neun Mal Krise, der Höhepunkt. Nachdem der Bundestag einem zweiten Rettungspaket zustimmt, legt sich die Aufregung in Schäubles Krisenrhetorik. Und am 30. November 2012 ist für den Finanzminister der CDU die Krise beendet, zumindest verbal. Seither spricht er im Bundestag nicht mehr von ihr. Aber im Wahlkampf sind Krisen auch nur bedingt ein attraktives Thema.     


Milliarden

Schon beim ersten Rettungspaket ging es um viele Milliarden Euro, 110 um genau zu sein. Man würde denken, ein Mann der Zahlen wäre vor dem Bundestag bestimmt ausführlich darauf eingegangen. Doch als Schäuble den Abgeordneten das Paket vorstellt, erwähnt er das M-Wort kein einziges Mal. 6:0 für die Krise. Stattdessen warnt er eindringlich vor dem Abgleiten Griechenlands in die Zahlungsunfähigkeit. Im Laufe der Zeit verändert sich allerdings Schäubles Verhältnis zu der verbalen Präsenz konkreter Zahlen: Acht bis zehn Mal erwähnt der Finanzminister die Milliarden in seinen Reden 2011 und 2012. Doch dann folgt 2014 der Einbruch: Nur noch drei Mal finden sich die Milliarden in seiner Rede zur Verlängerung des zweiten Rettungspaketes. Resignation? Taktik? Vielleicht hat man sich im Bundestag auch einfach an das große Wort gewöhnt.     

Rettung

Ein Schäuble rettet nicht. Schon gar nicht die Griechen. Um das zu wissen, hätte es der Verhandlungen des Finanzministers mit seinem griechischen Kollegen Yanis Varoufakis in den vergangenen Wochen nicht bedurft. Während es in der öffentlichen Debatte seit Jahren ständig um die Griechenland-Rettung geht, verwendet Schäuble den Begriff Rettung nur in Verbindung mit einem Schirm. Der Rettungsschirm öffnete sich in den von uns analysierten Reden nur ein einziges Mal: am 30.11.2012.

Griechenland

Statistiken sind insofern auch manchmal schön, um sich an Vergangenes zu erinnern. Am Anfang war die Krise ja eine europäische Hausgeburt und Griechenland nur das G der Euro-Schweinestaaten PIIGS, versteckt zwischen Portugal, Italien, Irland und Spanien. Doch in Wellenbewegungen kündigte sich in Schäubles Reden schon 2011 an, was Ende 2012 seinen Höhepunkt mit 62 Erwähnungen in einer Rede finden sollte und uns bis heute nicht loslassen will: dieses Griechenland.

Troika

Der für die Griechen emotionalste Begriff dieser Krise kam erst ziemlich spät im verlautbarten Wortschatz des Finanzministers an. Schäuble schien dem Begriff nicht recht zu trauen und tastete sich Ende 2012 mit einem vorsichtigen "die sogenannte Troika" voran. Ursprünglich bezeichnete man mit diesem Wort ein Pferde-Dreigespann. Nun wissen wir, dass in Griechenland seit 2010 das Triumvirat aus Kontrolleuren der EU-Kommission, des Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds so tituliert wurde. Mittlerweile haben sich alle Seiten darauf geeinigt, das böse Wort auch offiziell abzuschaffen. Die Troika bleibt trotzdem in Athen.

Europa

In seiner ersten Rede zum Rettungspaket hat Schäuble das Dilemma auf den Punkt gebracht: "Europa ist zu seinem Glück vereint." Das klingt schön und wichtig, und das ist es anscheinend auch für den Minister. Kein einziges Mal lässt er es in seinen Reden aus, vom großen Ganzen zu sprechen: der Kontinent, der Frieden, die kulturelle Einheit. Das kam auch in Griechenland gut an, Schäuble galt – anders als die Kanzlerin – lange als weiser Wolf: zwar hart in der Sache, aber trotzdem fair. "Großer Europäer", dafür bekam er 2012 auf dem Höhepunkt der Krise sogar den Karlspreis. Erst in jüngster Zeit hat sich das Schäuble-Bild auch im Süden verändert.

Schulden

Die sprachliche Schulden-Kurve Schäubles gleicht einem Kamelrücken mit zwei Höckern. Wieso erwähnte der Finanzminister Schulden nur in den Jahren 2011 und 2012? Es geht doch schließlich um Schulden, Bankrott und Pleite. Mit dem Wort Schulden verweist man den Schuldiger ja gemeinhin auf seine Schuld, und ohne dass man es erwähnen muss, steht gleichzeitig die Frage im Raum, wie man diese begleicht. Vielleicht hat der Minister mangels einer Antwort darauf den verbalen Schuldenschnitt bevorzugt. Von dem realen dürfen die Griechen weiter träumen.