Bundeskanzlerin Angela Merkel reist nicht zur traditionellen Weltkriegsgedenkfeier nach Moskau. Sie habe entschieden, dass es ihr "unmöglich ist, am 9. Mai an einer Militärparade auf dem Roten Platz teilzunehmen", erfuhr die ZEIT aus ihrem Umfeld. Die Entscheidung sei erst vor wenigen Tagen gefallen. Die Einladung von Russlands Präsident Wladimir Putin zu der Parade hatte die Kanzlerin im Sommer zunächst unbeantwortet gelassen.

Hintergrund der Entscheidung ist die Rolle Russlands im Ukraine-Krieg. Ein Besuch der Feierlichkeiten wäre ein Affront gegen die ukrainische Regierung gewesen. Vor allem aber war es für Merkel kaum vorstellbar, an einer Militärparade mit russischen Panzern teilzunehmen, die womöglich im Osten der Ukraine zum Einsatz kommen. Der Westen wirft Russland vor, die Separatisten in der Ukraine mit Personal, Waffen und auch Panzern zu unterstützen. Die russische Regierung streitet das ab.

Russland feiert den Jahrestag des Kriegsendes und den Sieg über Nazi-Deutschland traditionell mit einer Militärparade auf dem Roten Platz. Zu der Veranstaltung reisen gewöhnlich viele ausländische Spitzenpolitiker an. Gerhard Schröder hatte 2005 als erster deutscher Kanzler an der Parade teilgenommen, Merkel war 2010 dabei.

Die Entscheidung der Kanzlerin ist eine Zäsur. Galten doch die Einladungen gerade an die Deutschen als Zeichen der Versöhnung und Beleg für ein normalisiertes Verhältnis zwischen beiden Ländern.

Merkel will trotzdem nach Moskau reisen

Um einen Eklat zu vermeiden, hat sich Merkel um einen Kompromiss bemüht. Sie will nun am 10. Mai nach Moskau reisen und zusammen mit Putin das Grabmal für den unbekannten Soldaten an der Kremlmauer besuchen. Dort könne man "in Würde und gemeinsam" des Zweiten Weltkriegs gedenken. Einen entsprechenden Vorschlag habe sie Putin telefonisch übermittelt, heißt es. Der Präsident habe zugestimmt.     

Die Bundeskanzlerin ist nicht die Einzige, die der Militärparade fernbleiben wird. Auch der polnische Präsident Bronisław Komorowski hat einen Besuch abgesagt. Das hatte die polnische Botschafterin in Russland, Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz, vor wenigen Wochen bestätigt. Einen offiziellen Grund nannte sie nicht. Stattdessen lud Komorowski die europäischen Staats- und Regierungschefs ein, den 70. Jahrestag des Kriegsendes auf der polnischen Halbinsel Westerplatte zu feiern.    

Die Präsidenten Litauens, Lettlands und Estlands, Dalia Grybauskaitė, Andris Bērziņš und Toomas Hendrik Ilves, werden ebenfalls nicht nach Moskau kommen. Auch US-Präsident Barack Obama wird der Einladung nach russischen Angaben nicht nachkommen. Ob Frankreichs Präsident François Hollande zu den Feierlichkeiten reist, ist noch unklar, auch der britische Premierminister David Cameron hat sich noch nicht offiziell zu einer Teilnahme geäußert.