In Moskau haben Tausende Menschen an einem Trauermarsch zum Gedenken an den ermordeten Kremlkritiker Boris Nemzow teilgenommen. Mitorganisator Alexander Riklin schätzte die Zahl der Teilnehmer auf mehr als 70.000, die Polizei sprach inzwischen von ungefähr 21.000 Demonstranten. Unabhängige Beobachter gingen von 55.000 Menschen aus.

Sollte die Schätzung der Organisatoren stimmen, wären es mehr Teilnehmer als offiziell erlaubt: Die Stadtverwaltung hatte den Marsch für bis zu 50.000 Menschen genehmigt. Der Zug, der von sehr viel Polizei begleitet wird, führt unter anderem über eine Brücke in Sichtweite des Kreml, wo Nemzow am späten Freitagabend von Unbekannten erschossen worden war


Am Tatort auf der Großen Moskwa-Brücke legten Menschen Blumensträuße nieder. Sie stellten Kerzen auf, brachten Ikonen mit. Viele weinten. Bei dem Trauermarsch sind Plakate mit Aufschriften zu sehen wie "Ich fürchte mich nicht", aber auch "Ich fürchte mich – wer ist der Nächste?"

Während der Demonstration sei der ukrainische Parlamentsabgeordnete Alexej Gontscharenko verhaftet worden, berichteten russische Nachrichtenagenturen. Russische Behörden würden gegen ihn ermitteln. Er sei im Mai vergangenen Jahres an gewaltsamen Zusammenstößen zwischen prorussischen Aktivisten und ihren Gegnern beteiligt gewesen. Dabei waren mehr als 40 Menschen gestorben.

Die Stimmung im Zug ist sehr ruhig, berichtet ZEIT-ONLINE-Reporter Jan Vollmer. Die Menschen riefen keine Parolen, sie nähmen den Trauermarsch sehr ernst. Manche Teilnehmer hätten Tränen in den Augen.

Der Demonstrationszug wird von einem Großaufgebot der Polizei bewacht. Alle Menschen, die zu dem Marsch wollen, müssten Kontrollen mit Metalldetektoren passieren, schreibt der Guardian. Vor den Durchgängen hätten sich lange Schlangen gebildet.

Ursprünglich hatte die Opposition für Sonntag eine Großkundgebung gegen die Ukraine-Politik von Präsident Wladimir Putin geplant, an der auch Nemzow teilnehmen sollte. Diese Demonstration wurde nach der Ermordung des Oppositionellen abgesagt und stattdessen der Trauermarsch organisiert.

Der Mord sorgt in Russland und international für Bestürzung. Bereits am Samstag waren zahlreiche Moskauer zum Tatort geströmt, um Blumen und Fotos niederzulegen. Weggefährten vermuten, dass Nemzow sein jahrelanges Engagement in der Opposition zum Verhängnis wurde. Sie werfen dem Kreml vor, in Russland eine antiwestliche Stimmung und Hass gegen Dissidenten zu schüren.

Trauerkundgebungen gab es auch in vielen anderen russischen Städten, darunter St. Petersburg, Nischni Nowgorod, wo Nemzow in den 1990er Jahren Gouverneur gewesen war, und Jaroslawl, wo er als Regionalabgeordneter arbeitete.