Vizekanzler Sigmar Gabriel läuft neben dem saudischen Finanzminister Ibrahim Al-Assaf auf den wartenden Pressepulk zu. Mikros strecken sich ihnen entgegen, die iPhones sind gezückt. Ein freundliches Händeschütteln vor der Journalistenmauer, dann zögert Gabriel kurz: Soll er jetzt einige Fragen beantworten? Der arabische Finanzminister will weitereilen, hinüber in den Saal, wo die beiden gleich eine große Wirtschaftskonferenz eröffnen werden. Gabriel weiß, dass die Presse heikle Fragen stellen wird – auch für seinen Gastgeber: zum inhaftierten Blogger Raif Badawi, zu Rüstungsgütern. Also lieber ein fast entschuldigendes Schulterzucken, dann dem Finanzminister hinterher.

Aber Gabriel ist eben auch ein ausgebuffter Politiker, der weiß, wann man richtig abbiegt. Er lässt nach ein paar Schritten den Scheich nichtsahnend im Pulk weiterrauschen und bleibt doch noch kurz stehen. Und natürlich werden die Fragen gestellt: Was ist mit Rüstungsexporten, schließlich würden die Saudis gern kaufen, aber Gabriel will solche Geschäfte nicht mehr anbahnen. Kein Thema, antwortet er knapp.

Und was ist mit Raif Badawi, dem Blogger, der vor einem Jahr zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe und 1.000 öffentlichen Hieben mit dem Stock verurteilt wurde? Gabriel sagt, dass Menschenrechtsfragen natürlich ein Thema hier sein würden. "Ich glaube, das ist ganz normal, dass sich Menschen weltweit für so etwas interessieren. Und das dürfte auch hier niemanden überraschen."

Es ist der oft zitierte Balanceakt, den Sigmar Gabriel in seinen anderthalb Tagen in Saudi-Arabien hinbekommen muss: Die Erwartungen sind enorm, dass er etwas für den Blogger und dessen Schwager, einen Menschenrechtsanwalt, der ebenfalls im Gefängnis sitzt, ausrichten kann. Nur wenige Minuten vor dem Abflug am Samstagmorgen überraschte ihn ein Flashmob der Aktivistenorganisation Avaaz am Flughafen in Berlin-Tegel und wollte ihm einen Schlüssel als Symbol überreichen. Er halte den Schlüssel zu Badawis Gefängniszelle in der Hand, so die Botschaft.

In kaum einem Land weltweit sorgt der Fall Badawi für so viel Aufsehen wie in Deutschland. Menschenrechtsorganisation wie Amnesty International haben eine professionelle Kampagne hingelegt, stehen in ständigem Austausch mit Badawis Ehefrau in Kanada und mit dem Auswärtigen Amt. Mehr als 1,2 Millionen Unterzeichner umfasst inzwischen eine Onlinepetition zu Raif Badawi.

Vor der saudi-arabischen Botschaft in Berlin organisieren sie Proteste. Zur Vorbereitung der Reise verteilte das – Achtung: Bundeswirtschaftsministerium – sogar den aktuellen Amnesty-International-Bericht zur weltweiten Lage der Menschenrechte. Wer mit den Saudis in diesen Tagen Geschäfte machen will, der kommt um Raif Badawi und dessen Bestrafung nicht mehr herum.

Diplomatisch vermintes Terrain

Aber was genau kann der Vizekanzler ausrichten? Ausgerechnet Gabriel, der Klartext liebt und in Deutschland kein Problem hat, vor laufender Kamera auch mal Umweltaktivisten öffentlich abzukanzeln, muss sich nun auf diplomatisch vermintes Terrain wagen. Unterstützung dafür gibt das Auswärtige Amt, das ebenfalls Vertreter mit auf die Golfreise geschickt hat. Am Sonntagmittag wird Gabriel den Kronprinz des Landes treffen, wahrscheinlich auch König Salam. Verlauf und Ausgang der Gespräche? Komplett ungewiss.

Zwar ist das Thema Menschenrechtsfragen nicht gänzlich neu für Gabriel: Noch als niedersächsischer Ministerpräsident hatte er sich 2002 während einer ähnlichen Reise in die Region für einen politischen Gefangenen eingesetzt. 

Diesmal aber ist die Lage noch komplexer – und der Fall des Bloggers Badawi nur ein kleiner Mosaikstein in einem großen Spiel von geopolitischen Interessen und Abhängigkeiten in der Region. Die erzkonservative Regierung in Riad legt seit einiger Zeit einen noch härteren Kurs an den Tag. Die umstrittene Religionspolizei wird strenger, die Zahl der Exekutionen steigt. Allein im Januar diesen Jahres sind bereits fast 40 Menschen exekutiert worden. Im gesamten Jahr 2014 waren es dagegen 87. Fachleute sprechen von einer "konservativen Wende" des Landes.

Zudem ist die Lage in der gesamten Region extrem brüchig. Der vermeintliche Arabische Frühling hat viele Konstanten hinweggefegt, die USA verlieren gefühlt immer mehr das Interesse, in der Region als Ordnungsmacht aufzutreten. Im September 2014 ist Saudi-Arabien offiziell der internationalen Koalition gegen den "Islamischen Staat" (IS) beigetreten, schließlich bezeichnet sich die Terrororganisation als der wahre "Islamische Staat" – ein Titel, den auch das erzkonservative Königshaus für Saudi-Arabien in Anspruch nimmt.

An jeder Ecke ein Widerspruch

Der Fall Badawi und die Verschlechterung der Menschenrechtssituation hängen daher  auch mit dem Einsatz gegen den IS zusammen. Die Regierung muss sich im Land rechtfertigen, Stärke demonstrieren. "Seht her, wir greifen nicht nur gegen radikale Islamisten durch, sondern auch im anderen Lager: gegen liberale Blogger." Während der Fall Badawi wegen des großen Engagements inzwischen weltweit für Aufmerksamkeit sorgt, hält die heimische Bevölkerung die Bestrafung für in Ordnung. Schließlich wurde Badawi von einem Gericht auf Grundlage der Scharia verurteilt, das Urteil ist also für viele Saudis nachvollziehbar.

Was für eine komplexe Gemengelage für den deutschen Wirtschaftsminister. An jeder Ecke ein Widerspruch: Auf der einen Seite begrüßt Deutschland das saudische Engagement im Kampf gegen den IS-Terror. Zugleich aber will Gabriel keine weiteren Waffen in die Region schicken – zur Enttäuschung der deutschen Rüstungsindustrie.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Gabriel an diesem Wochenende Konkretes für Raif Badawai erreichen kann, tendiert wohl gegen null Prozent. Die Blöße, den Wünschen von ausländischen Regierungsvertretern nachzukommen, wird sich die saudische Regierung kaum geben. Eine Abschwächung der Strafe oder im besten Fall gar die Freilassung würde ihr von der Bevölkerung als Schwäche ausgelegt werden. Die großen Hoffnungen aus dem Ausland wird Gabriel kaum kurzfristig erfüllen können.