Es könnte alles so schön sein: Ein Deal beendet den Langzeitstreit um das iranische Atomprogramm, Teheran ist der Weg zur Bombe auf absehbare Zeit verwehrt, und allmählich entsteht Vertrauen zwischen Iran und seinen sunnitisch-arabischen Nachbarn. Einziger Haken: Die Realität des Nahen Ostens sieht anders aus. Ganz anders.

Denn während die Nuklearverhandlungen in Lausanne in die Zielgerade einbiegen, wächst sich der Konflikt im Jemen zu einem veritablen Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran aus. "Der Siegeszug der Huthis war der vorläufige Höhepunkt von Jahren gefühlter Erniedrigung durch die iranische Expansion im Nahen Osten, die den sunnitischen Einfluss in der Region zugunsten des Irans beschnitten hat", sagt Mustafa Alani vom Gulf Research Center über die saudischen Befindlichkeiten. Reiner Zufall, dass die saudisch geführte Militärintervention "Decisive Storm" im Jemen mit der Endphase der Atomgespräche zusammenfällt?

Wohl kaum. Denn es gilt als unwahrscheinlich, dass Iran zu diesem sensiblen Zeitpunkt militärisch auf die Operation unter Riader Führung reagiert. Ebenso wenig überrascht, dass ausgerechnet jetzt die schon länger zirkulierende Idee einer schnellen Eingreiftruppe der arabischen Staaten auf dem Gipfel der Arabischen Liga im ägyptischen Scharm al-Scheich unter Dach und Fach gebracht wurde. Man will gewappnet sein gegen die "ungekannte Bedrohung von Existenz und Identität" der Mitgliedsstaaten der Liga (will sagen: gegen den Iran), wie es Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sissi formulierte. Zumal in Zeiten, in denen die USA den sunnitisch-arabischen Führern nicht mehr als verlässliche Partner gelten.

Wie also würde sich ein Atomdeal zwischen Iran und dem Westen auf die Krisenregion Nahost auswirken? Die gute Nachricht vorweg: Nach einem Deal wird die Betriebstemperatur der Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen deutlich steigen. Sobald das Damoklesschwert des schwelenden Nuklearstreits nicht mehr über allen iranisch-westlichen Kontakten hängt, können beide Seiten "mehr Kooperation wagen" – vor allem mit Blick auf eine Stabilisierung des im Chaos versinkenden Nahen und Mittleren Ostens. Und die schlechte Nachricht? Ein Abkommen ist kein Universalschlüssel zur Lösung der regionalen Konflikte von Syrien über den Irak bis zum Jemen. Wer darauf zählt, ein Deal könne den Grundstein einer neuen Ordnung in der Region legen, der irrt.

Das iranische Machtkalkül geht auf

Teheran verspricht sich von einem Nuklearabkommen zweierlei: das Ende seiner internationalen Isolation und die Aufhebung des Sanktionsregimes, um die iranische Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurückzuführen. In Irans politischer Klasse herrscht offenbar Konsens darüber, dass ein Deal unter diesen Vorzeichen im iranischen Interesse sei. Allem Anschein nach hat  Revolutionsführer Khamenei die Kritiker eines Abkommens an die Kette gelegt – zumindest vorerst. Nur noch eine kleine – allerdings lautstark auftretende – Gruppe von Hardlinern macht mobil gegen eine Einigung im Atomstreit.

Regionalpolitisch dagegen hat Teheran wenig Grund, von seinem bisherigen Kurs abzuweichen. Das iranische Machtkalkül in der Levante und am Golf geht auf: Die irakische Regierung unter Premier Al-Abadi ist massiv auf die Hilfe Teherans angewiesen. Vom Iran unterstützte schiitische Milizen bilden die Speerspitzen im Kampf gegen den IS. Dass Qasem Soleimani, Kommandeur der auf Auslandseinsätze spezialisierten Qods-Einheit der Revolutionsgarden, mehr Zeit im Irak als in seiner iranischen Heimat verbringt, ist mehr als nur ein Hirngespinst nahöstlicher Verschwörungstheoretiker. Irans Einfluss in seinem westlichen Nachbarland wächst und wächst – unter den sunnitisch-arabischen Nachbarn der Islamischen Republik macht das Wort von der "Besatzung" die Runde.

In Syrien ist es Teheran gelungen, seinen Verbündeten Baschar al-Assad gegen den Widerstand der sunnitisch-arabischen Golf-Monarchien, allen voran Saudi-Arabien, an der Macht zu halten. Und auch im Jemen – quasi im Hinterhof seines saudischen Erzrivalen – kann der Iran einen Punktsieg davontragen: Binnen kürzester Zeit haben die von Teheran unterstützten Huthi-Milizen die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Landes am südlichen Zipfel der Arabischen Halbinsel unter ihre Kontrolle gebracht.

Atomabkommen hin oder her: Dass Teheran ausgerechnet jetzt sein langfristiges strategisches Ziel aufgibt, das schon vor der Islamischen Revolution formuliert wurde, nämlich den Aufstieg zur Regionalmacht, ist äußerst unwahrscheinlich. Ob es – wie manche Beobachter fürchten – durch die Aufhebung der Sanktionen frei werdende Ressourcen einsetzen wird, um eine noch forschere Politik in der Region zu betreiben, bleibt abzuwarten.