War die russische Annexion der Krim nur eine Reaktion auf den Machtwechsel in Kiew und begann sie erst nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch? Offiziell beharrt Russland auf dieser Version der Geschichte und will damit eine Legitimität der Eingliederung unterstreichen. In einem Dokumentarfilm, den der erste Sender des russischen Staatsfernsehens am gestrigen Sonntag ausstrahlte, nennt Russlands Präsident Wladimir Putin auch einen konkreten Termin für den Start der russischen Operation: "Die Lage in der Ukraine hat sich in einer Weise entwickelt, dass wir gezwungen sind, die Arbeit zur Rückgabe der Krim an Russland anzufangen", habe er in den Morgenstunden des 23. Februar 2014 gegenüber höchstrangigen Vertretern von Geheimdienst und Militär gesagt.

Diese Darstellung hat jedoch einen Haken: Sie widerspricht der brisanten Erzählung des Politikers Leonid Gratsch, der persönlich in die beginnende russische Spezialoperation involviert war.

Der Kommunist Gratsch gilt als Elder Statesman der Krim. In der ausklingenden Sowjetunion und in der unabhängigen Ukraine bekleidete der Ex-Militär höchste Ämter auf der Halbinsel. In seiner Funktion als Parlamentspräsident war er 1998 entscheidend beim Beschluss der Verfassung der Autonomen Republik Krim beteiligt.

Gratsch lässt nun in einem ausführlichen Gespräch, das vor einigen Tagen in den Räumen der Partei "Die Kommunisten Russlands" in Simferopol stattfand, keinen Zweifel, dass die Annexion der Halbinsel von Moskau aus geplant und auf der Krim umgesetzt wurde – bevor sich die Revolution in der Ukraine vollzog und Viktor Janukowitsch in der Nacht auf den 22. Februar 2014 aus Kiew floh.

Gratschs Aussagen zufolge begann die konkrete Umsetzung der russischen Krim-Annexion wie folgt: In den Nachmittagsstunden des 20. Februar 2014, jener Tag, an dem auf dem Maidan in Kiew sehr viele Menschen starben, landen drei russische Admiräle am Flughafen von Simferopol. Angeführt wird die Gruppe vom einflussreichen Vizeadmiral Oleg Belawanzew. Dieser wird wenige Wochen später zum Statthalter des russischen Präsidenten auf der Krim ernannt und in einem Geheimerlass Putins als "Held der Russischen Föderation" ausgezeichnet.

Unter den Admirälen ist auch ein langjähriger Bekannter Gratschs, der telefonisch den äußerst kurzfristig angesetzten Besuch angekündigt hatte. Kurze Zeit später tauchen die drei Admiräle im Haus des Politikers in Simferopol auf und übermitteln eine eindeutige Bitte: Gratsch soll sich bereit erklären, Premierminister einer russisch kontrollierten Krim zu werden, die Rede ist von "allerhöchsten Anordnungen". Während des Gespräches mit den Admirälen gibt es keinerlei Zweifel, dass Russland die Kontrolle über die Krim übernehmen wird.

Um die Ernsthaftigkeit ihres Ansinnens zu unterstreichen, verbinden sie den kommunistischen Politiker per verschlüsseltem Satellitentelefon mit einem Vertreter der russischen Staatsspitze. Gratsch will den Namen dieses Gesprächspartners mit Verweis auf ein "militärisches Geheimnis" einstweilen nicht nennen, er meint jedoch, dass er vom Rang deutlich über dem des Chefs der russischen Präsidentschaftskanzlei läge. Lediglich drei russische Politiker können damit gemeint sein: Der russische Präsident Wladimir Putin selbst, Premierminister Dmitri Medwedew und Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Letzterer gilt als äußerst enger Vertrauter des anwesenden Oleg Belawanzew.

Gratsch versichert daraufhin den Gästen seine Bereitschaft, für das Amt des Premierministers zur Verfügung zu stehen, äußert jedoch gleichzeitig die Befürchtung, dass das Parlament, was von der absoluten Mehrheit der Partei der Regionen, Janukowitschs Partei, dominiert wird, ihn kaum zum Premier wählen wird. Die Besucher aus Russland versprechen, sich darum zu kümmern.

Der Zeitpunkt ist von großer politischer Bedeutung

Der ehemalige Parlamentspräsident der Krim Leonid Gratsch in seinem Büro auf der Halbinsel © Herwig G. Höller

Nachdem die drei russischen Admiräle weitergezogen sind, macht sich Gratsch am Abend des 20. Februar zu einem weiteren Termin auf. Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB aus Moskau hatten ihn ersucht, sich an der Peter-und-Pauls-Kathedrale im Stadtzentrum von Simferopol zu treffen. Als der Krim-Politiker dort eintrifft, wird er aus einiger Entfernung Zeuge, wie jene drei Admiräle, die zuvor bei ihm waren, gegenüber im Hotel Europa verschwinden.

Der Name des Hotels erscheint wie ein ironisches Detail im Vergleich zum Fortgang der Geschichte. Vor dem Haus ist der Wagen des Krim-Parlamentspräsidenten Wladimir Konstantinow geparkt, kurze Zeit später trifft zu diesen Gesprächen mit den Admirälen auch der prorussische Parlamentarier und Chef der Partei Russische Einheit, Sergej Aksjonow, ein. Beide sprechen sich, so wird Gratsch später erfahren, kategorisch gegen ihn, den Kommunisten, als Premierminister aus. Seine Kandidatur wird schließlich verworfen.

Aksjonow, dessen Russische Einheit zum Zeitpunkt des Gesprächs am 20. Februar 2014 lediglich über 3 von 100 Mandaten verfügt, wird am 27. Februar 2014 unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom Parlament zum neuen Krim-Regierungschef gekürt, gleichzeitig fällt ein erster Beschluss, auf der Krim am 16. März 2014 ein Referendum durchzuführen.

In der Nacht vor der Wahl des Regierungschefs übernehmen russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, die deshalb später "grüne Männchen" genannt wurden, die Kontrolle über das Gebäude. Der russische Freischärlerführer Igor Girkin wird später in einem russischen Fernsehsender von handfestem Druck sprechen, den die Bewaffneten auf Abgeordnete ausgeübt hätten.

Dass zumindest im Umfeld des Kremls bereits vor dem Machtwechsel in Kiew über eine Eingliederung der Krim und von Teilen der Ost- und Südukraine nachgedacht wurde, steht außer Zweifel. Krim-Parlamentspräsident Konstantinow hatte vor dem 20. Februar gegenüber der russischen Presse von der Möglichkeit einer Abspaltung der Krim gesprochen. Und zuletzt hatte die russische Zeitung Nowaja Gaseta ein einschlägiges Strategiepapier  veröffentlicht (hier in deutscher Übersetzung), das laut Angaben der Zeitung in der ersten Februarhälfte an die Administration des russischen Präsidenten übergeben worden war.

Der genaue Zeitpunkt, an dem der russische Staat mit der konkreten Umsetzung dieser Pläne begann, ist von großer politischer Bedeutung. Sollte Russland die Annexion bereits vor dem Machtwechsel in Kiew eingeleitet haben, bricht eines der zentralen Argumente Moskaus weg, mit dem die Verletzung des sogenannten Budapester Memorandums aus dem Jahr 1994 legitimiert worden war. In diesem Dokument hatten Russland, die USA und Großbritannien der Ukraine für ihren Verzicht auf Kernwaffen seinerzeit die Achtung der Souveränität und der territorialen Integrität zugesichert.

Das Memorandum, so wiederholte der russische Außenminister Sergej Lawrow zuletzt am 10. März 2015, habe Russland jedoch nicht verpflichtet, einem verfassungswidrigen und bewaffneten Staatsstreich, einer gewaltsamen Machtübernahme und Handlungen von ukrainischen Radikalen zuzustimmen, die die Souveränität des ukrainischen Staates untergraben hätten.

Als laut Leonid Gratsch russische Admiräle, darunter ein späterer Held der Russischen Föderation, am 20. Februar 2014 mit ihren Verhandlungen die russische Annexion der Krim einleiteten, konnte von einem verfassungswidrigen oder gar bewaffneten Staatsstreich in Kiew freilich noch keine Rede sein. Noch am 21. Februar verhandelte Präsident Viktor Janukowitsch mit internationalen Diplomaten und Vertretern der damaligen Opposition und erst in der Nacht auf den 22. Februar floh er aus Kiew und über die Krim schließlich nach Russland.