Es ist still geworden in Natalias Küche, seit die Krim Russisch ist. Vor einem Jahr saßen ihre beiden Töchter hier, im zweiten Stock eines Sowjetbaus in Simferopol, der Hauptstadt der Schwarzmeer-Halbinsel. Anastasia und Ekaterina erklärten der Journalistin aus Deutschland damals, wieso sie in den vergangenen Tagen an proukrainischen Protesten teilgenommen hatten. Weshalb sie nicht zu Russland gehören wollten? Sie fanden diese Frage absurd. Warum sollten sie das wollen? Die 28 Jahre alte Ekaterina hatte ein Semester in Polen studiert. Das Leben auf einer annektierten Krim würde bedeuten, abgeschottet zu sein vom Rest der Welt, sagte sie. Abgeschottet von allem, abhängig von Russland.

Anastasia, sechs Jahre jünger als ihre Schwester, schwärmte von ihren Tagen auf dem Maidan in Kiew, als sie mit Freunden Aufnahmen für einen Dokumentarfilm machten. Sie erzählte von kleinen Protesten, die sie in Simferopol zur Unterstützung des Maidan organisiert hatten – bevor die russischen Soldaten kamen. Prinzessin der Anarchie sei Anastasias Spitzname, sagte die Mutter, und alle lachten. Dann zeigten die Töchter ihr Pfefferspray, das ihnen der Vater zum Frauentag geschenkt hatte, statt Rosen. Die selbst ernannten Beschützer der Krim, die meisten bewaffnet, machten den Frauen Angst. Es war der 15. März 2014. Am Tag darauf sollten die Menschen auf der Krim in einem Referendum abstimmen, ob sie Russisch werden wollten.

Da war für den Kreml der entscheidende Teil der Annexion längst geschafft: Schwer bewaffnete Männer hatten am 27. Februar 2014 das Regionalparlament gestürmt, die Abgeordneten gezwungen, die Volksbefragung anzusetzen; Truppen standen bereit. Das russische Staatsfernsehen warnte die Krim-Bewohner vor rechtsradikalen Russenhassern in Kiew, und auf Plakaten zertrampelten schwarze Armeestiefel die Umrisse der Halbinsel: "Keine Chance dem Faschismus. Alle zum Referendum", stand darunter. Vor allem die Älteren kamen und störten sich nicht an den vielen Bewaffneten vor und in den Wahllokalen. Mit russischen Flaggen und Sprechchören wurde das auf 96 Prozent aufgebauschte Ergebnis gefeiert – bei angeblich mehr als 80 Prozent Wahlbeteiligung. "Ros-si-ja, Ros-si-ja", war die ganze Nacht zu hören.

Ein paar Tage später verließen Natalias Töchter die Krim. Zwei Mitstreiter, die hier blieben, sitzen jetzt im Gefängnis. Ihnen wird vorgeworfen, Terroranschläge geplant zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch wegen "Massenunruhen" am 26. Februar 2014, als prorussische und proukrainische Demonstranten aneinandergerieten und zwei Menschen starben. Vorgegangen wird nur gegen die proukrainische Seite. Es sind die typischen Methoden der russischen Behörden, um Andersdenkende einzuschüchtern.

"Brot ist ein strategisches Gut"

Heute sagt Natalia, man habe ihr Leben gestohlen. "Mama und Papa, wir vermissen euch. Haltet durch", steht auf einem Zettel am Kühlschrank. Anastasia, ausgebildete Übersetzerin, arbeitet jetzt als Empfangsdame in einem Friseursalon in Odessa, Ekaterina entwirft dort Figuren für Computerspiele.

Ihre Kinder sind weg, und ihre Arbeit hat sie verloren. Der Betrieb, in dem Natalia als Näherin gearbeitet hat, ist nach der Annexion auf ukrainisches Festland gezogen. Der Besitzer aus Kiew wollte nicht riskieren, enteignet zu werden. Zunächst fuhr Natalia mehrmals in der Woche die 250 Kilometer mit dem Zug. Als keine ukrainischen Züge mehr auf die Krim kamen, nahm sie mit einigen Kollegen das Auto. Oft standen sie sieben Stunden in der Schlange, beide Seiten kontrollieren Papiere und Ladungen akribisch – auch wenn die Ukraine den Übergang nicht als Staatsgrenze anerkennt. Im Dezember gab Natalia auf. Neue Arbeit zu finden, ist schwierig, weil viele ukrainische Unternehmen die Krim verlassen haben.

Um Natalia herum wird die Halbinsel von Tag zu Tag russischer. Sie sei zu einer Insel geworden, scherzen die Bewohner. Vom Flughafen Simferopol kann man nur noch nach Russland fliegen, und seit die Ukraine die Zugverbindungen gekappt hat, ist der vor Kurzem restaurierte Bahnhof verwaist.

Alle haben jetzt russische Telefonnummern. Ukrainische funktionieren nicht mehr, die neuen der Nachbarn und Freunde musste Natalia erst herausfinden. Auf den Straßen sind zwar noch ukrainische Autokennzeichen und Straßenschilder zu sehen, aber nach und nach verschwinden die blau-gelben Nationalfarben. Verbleichen, werden übermalt, überklebt. Ihren blauen ukrainischen Pass haben die meisten gegen den rotbrauen russischen eingetauscht. Es gibt einige neue Spielplätze, neue Busse oder Krankenwagen, denn fast jede russische Region hat ein Willkommensgeschenk geschickt. Wie zu Zeiten des Referendums patrouillieren bewaffnete Freiwilligen-Einheiten, die nun offiziell die Polizei unterstützen. Und wenn wieder mal ein Unternehmen "nationalisiert" wird, besetzen sie das Gelände und sperren die Besitzer aus.

Zu den nationalisierten Betrieben gehört Krimchleb, die größte Backfabrik der Halbinsel. "Brot ist ein strategisches Gut", sagt Dmitrij Prostakow, ein Berater des Parlamentsvorsitzenden der Krim, während er durch die Produktionshallen läuft. Brotschneidemaschinen dröhnen, Frauen in weißen Kitteln flechten Teigzöpfe. Seit der Nationalisierung im November hat er gemeinsam mit einem Generaldirektor das Sagen hier. Seitdem produzieren sie mehr, sagt er.