Es ist alles etwas improvisiert, hier in der Parteizentrale der Vereinigten Liste in Nazareth. Ein paar Telefone liegen auf einem Tisch, ihre Kabel führen noch ins Leere. Während die versammelte internationale Presse auf den Spitzenkandidaten Aymen Odeh wartet, hängen einige junge Wahlkämpfer noch eilig ein paar Plakate an die nackten Wände, für die Fernsehkameras. Erst vor wenigen Wochen haben sich die arabischen Parteien in Israel zu einer gemeinsamen Liste für die Wahlen am 17. März zusammengeschlossen und die Räume in Nazareth angemietet.

Nazareth ist das Zentrum der palästinensisch-arabischen Minderheit in Israel, die rund 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmacht. Die Gegend rund um Jesus' Heimatstadt wird als arabisches Dreieck bezeichnet, weil fast ausschließlich Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft hier leben. In Nazareth spricht man – abgesehen von dem Sprachwirrwarr der christlichen Pilgergruppen – arabisch. Nur die Straßenschilder verraten, dass sich die Stadt im jüdischen Staat Israel befindet.

Als Aymen Odeh dann endlich kommt, spart er nicht an großen Worten. Die gemeinsame arabische Liste sei "historisch", sagt der Anwalt und Spitzenkandidat. Bisher waren die arabischen Parteien getrennt angetreten – aus gutem Grund, denn auf der Liste befinden sich Kommunisten, Feministinnen und konservative Muslime. Zur neuen Einigkeit hat jetzt unfreiwillig ein Beschluss der israelischen Rechten geführt. Die hatte entschieden, die Prozenthürde für den Einzug in die israelische Knesset zu erhöhen, was die arabischen Parteien in ihrer Existenz bedroht hatte. Statt 2,0 Prozent benötigen kleinere Parteien jetzt 3,25 Prozent. Für viele arabische Israelis ist das nur eines von vielen Beispielen, das ihre Diskriminierung beweist.

Araber könnten Opposition anführen

Durch den Zusammenschluss könnte die arabische Liste zur drittgrößten Fraktion in der Knesset werden, die insgesamt 120 Abgeordnete umfasst. Wahlumfragen sehen die Liste bei 15 Sitzen, bisher stellten die einzelnen Parteien nur elf Abgeordnete. Im nicht unwahrscheinlichen Fall einer Einheitsregierung von Netanjahus Likud und dem oppositionellen Zionistischen Lager könnte Odeh sogar Oppositionsführer werden.

Doch der Erfolg der arabischen Liste ist nicht nur mit dem Zusammenschluss der arabischen Kleinstparteien zu erklären. Erfolgreich ist auch der Wahlkampf, der sich explizit nicht nur an die palästinensische Minderheit Israels richtet. Mit einem Programm für soziale Gerechtigkeit will Odeh auch jüdische Wähler gewinnen, ohne seine eigene Klientel zu vergessen: "Die Hälfte der Armen sind Araber, die Hälfte der Araber sind arm", fasst er zusammen. Helfen soll dabei auch eine hebräische Wahlkampagne, zudem sind auf den hinteren Plätzen der Vereinigten Liste auch jüdische Kandidaten vertreten. Beim TV-Duell bescheinigten alle Medien Odeh einen überzeugenden Auftritt. Zurückhaltender als viele andere palästinensische Politiker in Israel äußert Odeh seine Solidarität mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten.  

"Israel ist ein Apartheidsstaat"

Diesen Kurs des Parlamentarismus teilen jedoch nicht alle in Nazareth. Keine 500 Meter vom Wahlbüro der Vereinigten Liste sitzen die Aktivisten der Gruppe Abna-al-Balad, die "Söhne des Landes". Sie rufen dazu auf, die Wahl zu boykottieren. Schließlich hätten die arabischen Abgeordneten keine Erfolge vorzuweisen im Kampf gegen Diskriminierung und Besatzung. "Israel ist ein Apartheidsstaat", sagt ihr Sprecher Ahmad Kahlifeh. "Wenn wir uns an der Wahl beteiligen, erkennen wir diesen Staat an." Für Abna-al-Balad ist die Solidarität mit den Palästinensern in der Westbank und in Gaza wichtiger als die Vertretung in der Knesset.

Wie hältst du es mit Israel? Diese Frage beschäftigt die palästinensische Minderheit seit der Gründung des Staates. Der Aufruf zum Boykott war viele Jahre lang erfolgreich, bei der letzten Wahl beteiligten sich nur etwa 50 Prozent der palästinensischen Israelis an der Wahl. Die Vereinigte Liste muss also den aktiven Boykott und die passive Hoffnungslosigkeit vieler palästinensischer Israelis überwinden. Sie scheint erfolgreich zu sein: Prognosen gehen von einer Wahlbeteiligung von über 70 Prozent unter den arabischen Israelis aus. Von der Fundamentalopposition der Boykott-Bewegung fühlen sich immer weniger Palästinenser in Israel vertreten.