Plötzlich streiten die Mächtigen der AKP. © Leonardo Munoz/EFE/dpa

Nun, da der Streit so richtig losgebrochen ist in der türkischen Regierungspartei AKP und sich Beobachter noch verwundert die Augen reiben ob dessen plötzlicher Heftigkeit, lässt sich schwer feststellen, wann und womit es eigentlich begonnen hat.

Vielleicht am Freitag, als der vermeintlich allmächtige, formal aber eher ohnmächtige Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf die Regierung schimpfte, die doch eigentlich die seine ist. Es ging ihm um eine Gruppe Intellektueller, die Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu zu den Friedensverhandlungen mit den Kurden hinzu bitten wollte. Erdoğan nannte diese Entscheidung "falsch" und beschwerte sich, er habe davon nur aus der Zeitung erfahren. Bülent Arınç, stellvertretender Ministerpräsident und Regierungssprecher, antwortete schnell – aber nicht im Sinne Erdoğans: Seine Kommentare würden der Regierung schaden und seien "emotional", ließ Arınç den Präsidenten wissen. 

Erdoğan reagierte auf den Affront mit Schweigen. Stattdessen sprang am Montag ein anderer für ihn in die Bresche, ein Altbekannter der türkischen Politik: Melih Gökçek, AKP-Bürgermeister von Ankara und bekannt für seine brutalen Social-Media-Kampagnen gegen alles, was ihm nicht passt, offenbar auch gegen Parteifreunde. Gökçek twitterte sodann: "Arınç, wir wollen Dich nicht." Dieser könne "nicht länger Sprecher der AKP sein. Er kann uns nicht repräsentieren. Arınç muss nun erst von seinem Job als Sprecher zurücktreten, und dann von seinem Platz in der Regierung." Außerdem sei er Teil einer Verschwörung des "parallelen Staates" gegen die AKP. "Ich muss gestehen, ich hätte nicht gedacht, dass sie uns von innen angreifen würden. Sie haben es durch Bülent Arınç getan", schrieb Gökçek.

Arınç konterte noch am selben Tag: In einer Rede warf er Gökçek vor, "keine Manieren" zu haben und "im Schoß" der Gülen-Bewegung gesessen zu haben – jener Vereinigung, die einst mit der AKP verbündet war, nun aber mit ihr verfeindet ist. "Er hat Ankara Stück für Stück an diese Struktur verkauft", sagte Arınç. Im Übrigen werde er nach der Parlamentswahl am 7. Juni alle "Verfehlungen" Gökçeks öffentlich machen. Jetzt sei es dafür noch zu früh, schließlich wolle er Rücksicht nehmen auf dessen Frau, die er respektiere und verehre.

Erdoğan der Übervater

Mit Erdoğan, Gökçek und Arınç sind drei sehr einflussreiche, wortmächtige und rücksichtslose türkische Politiker aneinandergeraten, die bisher gemeinsame Sache gemacht hatten. Hinzu kommt, dass sie dafür die drei brisantesten Themen der türkischen Politik aufgreifen: Den kurdischen Friedensprozess, den vermeintlichen Parallelstaat und die Macht des Gülen-Netzwerks. Diese Mischung brodelt schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren. Nun, 80 Tage vor der Parlamentswahl, explodiert sie. Denn es ist eine entscheidende Zutat hinzugekommen: die neue Rolle des eigentlichen Übervaters Erdoğan am Rande des politischen Systems.

Als Staatspräsident hat er formal wenig Macht, trotzdem redet er immer wieder in die Geschäfte seines Premierministers Ahmet Davutoğlu hinein. Informell zieht Erdoğan noch immer die Strippen, formell will er bald die Verfassung des Landes so umbauen, dass er auch offiziell als Präsident das Sagen hat. Davutoğlu wehrt sich dagegen, und Arınç scheint ihm beizustehen. Das reißt Gräben in der AKP auf: zwischen den Interessen Einzelner, zwischen inhaltlichen Positionen, vor allem aber zwischen ihren Machtbestrebungen.