Es war nicht die Opposition, die sich gestern in Moskau zu einem machtvollen Trauermarsch versammelte. Es waren verstörte und verängstigte Menschen, die ernsthaft ihre letzte Würde zu verteidigen suchten. Sie haben verstanden, dass mit dem Mord am oppositionellen Politiker Boris Nemzow eine neue rote Linie überschritten wurde.

Die Teilnehmer trotzten dem feuchtkalten Wintertag in einer menschlichen Regung, aber sie folgten keinem politischen Programm. Darin erinnerten sie an die Protestdemonstranten vor gut drei Jahren, als junge Städter, Liberale, Intellektuelle gegen Präsident Wladimir Putin auf die Straße gingen, um ihre Würde und Moral zu verteidigen. Es war die Zeit eines so naiven wie kurzen Aufbruchs. Heute hegen die Demonstranten im Unterschied zu damals nicht einmal mehr die Illusion, auf das Geschehen im Lande Einfluss zu nehmen. Ihnen bleibt nur noch die Trauer.

"Wenn ihr nicht kommt, dann seid ihr einverstanden damit, dass sie morden und rauben", hatte ein Journalist am vergangenen Samstag im Internet geschrieben. "Versteht ihr, dass von der Zahl der Menschen, die sich versammeln, sehr viel abhängt?" Als sich die Schätzungen der Teilnehmerzahl gestern auf mehr als 50.000 einpendelten, atmeten viele auf. Sie konnten sich daran wärmen, dass sie nicht alleine an der Politik ihrer Führung leiden. 50.000 – das sind doch immerhin nicht weniger als bei den großen Demonstrationen zuletzt.

Bisher trafen Morde keinen nationalen Politiker

Aber andere wenden ein: 50.000 in einer Stadt von mehr als 12 Millionen Menschen sind viel zu wenige in einem Moment, in dem das Land an einer schicksalhaften Weggabelung zu stehen scheint. Denn die physische Liquidierung der politischen Gegner gehörte bisher nicht zum tragenden Kennzeichen Russlands unter Präsident Wladimir Putin. Es gab in den vergangenen zwölf Jahren einige politisch motivierte Morde, doch sie trafen keine nationalen Politiker der Opposition.

Auch heute klingt unvorstellbar, dass Putin, wie manche in Moskau mutmaßen, persönliche Schuld am Tod Nemzows habe. Dennoch: Die politische Verantwortung trägt er. Er hat in den vergangenen zwei Jahren in Russland ein Regime geschaffen, das den Keim der Gewalt in sich birgt. "Früher ruhte Putins Stabilität auf dem Wachstum der Wirtschaft", urteilt der Journalist Alexander Baunow, "heute auf der Mobilisierung der Bevölkerung gegen Feinde".

"Verräter und Zerstörer des Landes"

Intoleranz ist bei der vorgeblichen Verteidigung der russischen Nation längst zum Markenzeichen geworden. Die innere Hexenjagd zielt auf Liberale, auf Homosexuelle, auf die 5. Kolonne, auf Menschenrechtler und Umweltschützer. Jeder, der Kritik an der Staatsführung äußert, unterliegt bereits dem Grundverdacht der Russophobie und des Landesverrats.

Hass schwingt in den staatskontrollierten Medien mit und hat sich schon verselbstständigt. "Feinde", "Verräter", "Zerstörer des Landes" werden angeprangert. Am gestrigen Sonntag wollte der Fernsehsender NTW mit einer jener Dokumentationen nachlegen, die mit hektischen Schnitten, suggestiven Bildern, verschwommenen Aufnahmen versteckter Kameras und Unterstellungen die Anführer der Opposition verleumdet. Eine der Hauptpersonen sollte Nemzow sein. Die Fernsehautoren versprachen Informationen darüber, "wer unsere Opposition füttert". Nach dem Mord wurde die Sendung aus dem Programm genommen.