Moskaus Bürger demonstrieren nahe der Stelle, an der Boris Nemzow erschossen wurde. © Olga Maltseva/AFP/Getty Images

"In Russland gibt es derzeit sehr wenige Menschen, die versuchen, diesen Wahnsinn aufzuhalten", schrieb Anfang dieses Jahres Lew Schlosberg. Mit "dem Wahnsinn" meinte der Oppositionspolitiker jenes System, das Wladimir Putin seit seiner Machtübernahme vor 15 Jahren in Russland erschaffen hat.

Es sorgt dafür, dass Oppositionelle in Russland eingeschüchtert, eingesperrt oder umgebracht werden. Viele Kritiker dieses Systems schweigen deshalb oder flüchten ins Ausland, verständlicherweise.

Nur wenige Menschen und Organisationen haben trotz dieses Drucks noch nicht aufgeben. Sieben Beispiele, die davon erzählen, wie schwer es in Russland ist, Kritik an der Regierung zu üben:

1. Memorial, die größte russische Menschenrechtsorganisation

Arseni Roginski, Chef von Memorial Russland, neben einer Gedenktafel für die Opfer der Sowjetherrschaft in Moskau © Yuri Kadobnov/AFP/Getty Images

In der untersten Etage des Memorial-Hauptsitzes in Moskau stapeln sich in einem mehrere Räume großen Archiv die Überbleibsel aus einem dunklen Teil der russischen Geschichte. Es sind Paketsendungen, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Menschen, die in den Zwangsarbeitslagern und Gefängnissen der Stalin-Zeit – im sogenannten Gulag – ihr Leben verloren. Die Aufarbeitung des stalinistischen Terrors war der Arbeitsschwerpunkt der Menschenrechtsorganisation, als sie 1988 gegründet wurde. Damals war sie die erste NGO auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Vor allem in den Neunzigern wuchs Memorial zur bedeutendsten Menschenrechtsorganisation Russland. Landesweit verfügt Memorial heute noch über rund 50 Büros, Ableger gibt es in Frankreich, der Ukraine, Kasachstan, Lettland, Italien und Deutschland.

Seit Wladimir Putin im Jahr 2000 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen für Memorial. Im vergangenen Jahr wollte das Justizministerium den Dachverband von Memorial sogar ganz auflösen. Nach massivem internationalen Protest stoppte der oberste Gerichtshof dieses Vorhaben jedoch. Memorial-Mitarbeiter, die die Menschenrechtsverletzungen der Putin-Regierung anprangerten, mussten in den vergangenen Jahren oft mit Repressalien rechnen. Ein trauriger Höhepunkt war das Schicksal von Natalja Estemirowa. Die Historikerin und Journalistin, die sich in Tschetschenien für Memorial engagierte, wurde im Juli 2009 vor ihrem Haus in Grosny entführt und später in einem Wald erschossen aufgefunden. Beobachter vermuteten einen Auftragsmord des FSB.

Der russische Inlandsgeheimdienst, der nach dem Ende der Sowjetunion aus dem KGB hervorging, war es auch, der im vergangenen Jahr gegen Memorial-Mitarbeiter in Sotschi vorging. Noch bevor die Olympischen Spiele eröffnet wurden, durchsuchten FSB-Mitarbeiter das Memorial-Büro im Schwarzmeerort. "Sie haben jeden Ordner angefasst und wollten wissen, mit welchen Journalisten ich mich getroffen habe, wem ich von den 300 dokumentierten Fällen erzählt habe", sagte Semjon Simonow damals. Der Memorial-Büroleiter hatte die Ausbeutung der Bauarbeiter dokumentiert, die die Olympiastadien errichtet hatten, und auf die Korruption und Umweltverschmutzung im Zusammenhang mit den Spielen hingewiesen.