Die Sowjetunion verschied und der Kommandant der Kaserne tanzte zum Schlager Gelbe Tulpen. Es war sein Geburtstag. Wodka und fettige Vorspeisen standen auf dem Tisch. Als er erfuhr, dass ein deutscher Korrespondent im abbruchreifen Wohnheim Offiziere interviewte, ließ er ihn holen. Der Kommandant war kurz zuvor aus der DDR abgezogen worden, und die Nostalgie nach dem guten Leben in Deutschland war groß. Er beköstigte und herzte den deutschen Journalisten und forderte ihn sogar mit steifem Kreuz zum Tanz auf. Es war eine Geste tief empfundener Freundschaft. Später musste ein Rekrut den Korrespondenten wie ein Schutzengel durch das nächtliche Wladikawkas zum Hotel zurückbegleiten. In den Sesseln des Hotelfoyers lungerten Wachen mit Kalaschnikows auf den Knien. Vorboten einer unruhigen Zeit.  

Die Tür zur Kaserne stand damals weit offen – auch ohne Erlaubnis des Verteidigungsministeriums. Es war ein wildes, aber auch weltoffenes und wissensdurstiges Russland. Auf weiten Bahnreisen im Viererabteil wurde nächtelang geredet und palavert. Das praktische Leben stand im Vordergrund. Zu den häufigen Fragen zählten solche wie "Was kostet ein BMW der 3er-Reihe in Deutschland?" oder "Was verdient ein Lehrer bei euch?". Der Systemkonflikt war überwunden, und alles schien auf ein wohlhabendes und demokratisches, ein nicht bedrohliches, sondern inspirierendes Russland in Europa zuzulaufen. Naivität, Unwissen und auch westliche Überheblichkeit steckten mit in dieser Erwartung.

Entsprechend ungläubig reagierte ich, als mir 1993 ein Belarusse im Gespräch versicherte, westliche Menschen würden die Prägung durch die sowjetische Zeit unterschätzen. In Belarus kehre sie gerade zurück. Er wollte deshalb auswandern. Ein Jahr später wurde Alexander Lukaschenko belarussischer Präsident. Das Autoritäre kam wieder in Mode bei der Elite, die so besser herrschen und aufteilen konnte, und bei den Menschen, die das Geführtwerden bequemer fanden. Belarus verwandelte sich aus russischer Perspektive in das Versuchslabor einer populären, gemäßigten Diktatur.

Auch in der Ukraine traf man Ende der neunziger Jahre auf verängstigte Gesprächspartner. Eine Atmosphäre der Beklommenheit lag über allem. Moskau erschien im Vergleich pluralistisch und aufgeschlossen. Viele Staatsorgane waren damals noch zugänglich und sogar am Kontakt mit westlichen Korrespondenten interessiert. Mit dem Presseoffizier der russischen Grenztruppen konnte man im Sport-Café in Kreml-Nähe Tee trinken, Reportage-Projekte über den Kampf der Einheiten gegen die Störwilderer auf dem Kaspischen Meer oder gegen die Heroinschmuggler aus Afghanistan an der tadschikischen Grenze vereinbaren und noch ein bisschen ziellos plaudern. Die Grenztruppen waren damals eigenständig. Unter dem neuen Präsidenten Wladimir Putin wurden sie wieder dem Geheimdienst FSB unterstellt und verschwanden in der Unzugänglichkeit.

"Warum helft ihr Deutschen uns nicht mehr?"

Putin sanierte das russische Staatsgebäude, sprach im Bundestag Deutsch und redete sogar der Mitgliedschaft Russlands in der Nato das Wort. Doch bald wurde das innenpolitische Klima rauer. Die Konsolidierung des Staates entpuppte sich als Aufbau einer alternativlosen Herrschaft. Schon während Putins zweiter Amtszeit erkannten die politischen Fußtruppen des Kreml, wo es langgeht: in Richtung einer Souveränität, die auf Anpassung und Einschüchterung im Inneren und eine antiwestliche Haltung im Äußeren setzt.

Das Misstrauen wuchs beständig. Als ich vor gut zwei Jahren in der Feuerwache einer Provinzstadt am Ural eine lokale Pressekonferenz besuchte, setzten mich die Vertreter des Innenministeriums und des Katastrophenschutzministeriums fast vor die Tür. Ein Ausländer, noch dazu in einem "militärischen Objekt"! Gemeint war die Feuerwache. Der Schreck saß tief. Erst nach längerer Beratung durfte ich bleiben. "Wir sollten uns die ganze Zeit aber bewusst sein", sagte einer der Polizisten noch in bedrohlichem Tonfall, "dass der Vertreter eines fremden Landes unter uns sitzt". Der Krieg in der Ukraine hat den Prozess der Abschottung nur verschärft.

Allerdings schlägt das angespannte Ost-West-Verhältnis noch nicht in persönliche Anwürfe um. Das traditionell gute Verhältnis der meisten Russen zu Deutschen leidet bisher kaum. Hier und da kommen Fragen auf: "Warum helft ihr Deutschen uns nicht mehr?" Oder: "Warum habt ihr uns verraten?" Manchmal klingt das nach einer Stichelei, manchmal empört.

Die journalistische Arbeit ist schwieriger geworden. Viele Vertreter des Staates sprechen nicht mehr mit ausländischen Journalisten. Sie dürfen es nicht, halten es für vergeblich oder fürchten Probleme. Korrespondenten stehen unter dem Grundverdacht, gekauft oder mit Spionage beauftragt zu sein. Viele Menschen sind vorsichtiger geworden, zumal der neue Gesetzesparagraf zum Landesverrat den staatlichen Ermittlern weiten Spielraum bietet. Das Fernsehen verbreitet Warnsignale, sich nicht zu sehr mit Ausländern einzulassen. Manches Zitat der Gesprächspartner darf nur noch anonym in einem Artikel benutzt werden. "Sie fahren wieder weg", sagen sie, "aber wir müssen weiter hier leben".