Mein Viertel in Moskau liegt am Prospekt Mira unweit des Rigaer Bahnhofs. Am "Friedensprospekt" habe ich viele Jahre gewohnt. Auch heute nehme ich mir immer dort ein Zimmer. Leider verändert sich die Gegend. Vor Kurzem hat die Stadtverwaltung die kleinen Verkaufsstände in den Unterführungen geschlossen. Ich liebte diese Buden, so wie viele Moskauer. Im Vorbeigehen kaufte ich Obst, Brot und Gegenstände, von denen ich zuvor nicht wusste, dass ich sie mal dringend brauchen würde. Vorbei mit dem Kaufvergnügen. Die Stadtverwaltung möchte saubere Unterführungen ohne Buden. Viele Kleinhändler verlieren ihre Existenz. So sieht die Krise aus.

Oder so: Am Prospekt Mira erlöschen die Ladenschilder. Jeden Monat gehen ein paar Lichter aus, jeden Monat gibt es ein paar Geschäfte weniger. Das Möbelgeschäft hat dichtgemacht. Die private Arztpraxis ist geschlossen. Das Reisebüro hat die Türen verrammelt, so wie das Restaurant gegenüber. Die Besitzer kapitulieren vor dem gefallenen Rubelkurs, den steigenden Mieten und der sinkenden Nachfrage.

Nach dem Bloomberg Misery Index gehört Russland mittlerweile wieder zu den Nationen, in denen die fatale Mischung aus Arbeitslosigkeit und Inflation das Leben schwer erträglich macht. Schlechter noch sieht es in Venezuela, Argentinien und der kriegsgeplagten Ukraine aus. (Besser übrigens in Griechenland, wo die Inflation gering ist!) Dennoch, und hier lässt sich das russische Wunder besichtigen, ist die Popularität des Präsidenten im vergangenen Monat um einen Prozentpunkt auf 86 Prozent gewachsen. Wie kann es sein, dass Wladimir Putin mitten in der Krise auf dem Höhenflug ist?

Eine Erklärung liegt darin, dass seine Regierung in die Sparstrümpfe greift. Rentner, Arme, Veteranen, Geringverdienende werden massiv subventioniert, öffentliche Dienstleistungen auch, um die Krise für die Massen abzudämpfen. Auch deshalb ist der "Reservefond" für ganz schlechte Zeiten im vergangenen Monat von 85 auf 77 Milliarden Dollar geschmolzen. Das gab das Moskauer Finanzministerium in dieser Woche bekannt. Insgesamt hat Russland noch Reserven von 364 Milliarden Dollar, sagt die Zentralbank, nachdem das Land vor gut einem Jahr noch über 500 Milliarden Dollar verfügte.

Schuld an dem Schwund sind weniger die westlichen Sanktionen. Auch die niedrigen Rohstoffpreise erklären nicht die ganze Misere. Der Hauptgrund für den russischen Niedergang, sagen unabhängige Ökonomen wie der Moskauer Wirtschaftsprofessor Igor Nikolajew, ist die Strukturkrise des Landes: verschleppte Reformen, Niedergang des Mittelstandes, ausufernde Korruption. Russland unter Putin sei seit mehr als drei Jahren in der Rezession, jetzt erlebe das Land den perfekten Sturm.

Auffälligerweise aber scheint das Putin nicht zu berühren. Er spricht so gut wie nie über die Wirtschaftslage, trifft sich selten mit Geschäftsleuten und Ökonomen. Der Präsident interessiert sich vor allem für Außenpolitik und Russlands Stellung in der Welt. Und natürlich für den Krieg gegen die Ukraine. Alle seine Auftritte haben irgendwie damit zu tun, ob er nun über den Donbass spricht oder über Russland als große Sportnation. Putin verbindet sein Ansehen vor allem damit, dass Russland groß, militärisch stark und gefürchtet ist. Das schätzen die Russen an ihm – nach Umfragen des unabhängigen Lewada-Instituts in Moskau schon seit vielen Jahren. Für die Wirtschaft, Korruption und andere Kleinigkeiten sind seine Untergebenen zuständig.

Deshalb sollte niemand glauben, dass die sich vertiefende Krise in Russland zu größeren Aufständen oder Unruhen führen könnte. Der Mord am Oppositionsführer Boris Nemzow vorige Woche hat nur eine kleine Minderheit wirklich bewegt und frustriert: das liberale Bürgertum, das Putin ohnehin als seinen Feind erkannt hat. Die Massen sind seine Verbündeten.

Wirtschaftsexperten schätzen, dass die Reserven für diese Art der Krisenpolitik noch für ein bis zwei Jahre reichen. Der Präsident setzt darauf, dass der Öl- und Gaspreis in dieser Zeit wieder spürbar ansteigt und er so aus der Krise kommen kann. Derzeit aber deutet nichts auf eine Wende am Ölmarkt hin, im Gegenteil.

Wenn die Rohstoffpreise nicht steigen, wird sich Putin wohl wieder etwas anderes überlegen müssen, um das Leid der Bevölkerung vergessen zu machen. Etwas Außenpolitisches natürlich – um Russlands Weltruhm zu mehren.