Es hat ganz den Anschein, dass die westlichen Staatenlenker alle Kantianer geworden sind. In seinem Traktat Zum ewigen Frieden (1795) unterschied der Königsberger Philosoph zwischen "drei Mächten, der Heeresmacht, der Bundesmacht und der Geldmacht". Er setzte hinzu, dass unter ihnen "die letztere wohl das zuverlässigste Kriegswerkzeug sein dürfte". 

Einen "Schatz zum Kriegführen" nannte Kant dieses Werkzeug. Und ganz in seinem Sinne setzt es der Westen heute ein gegen Russland, gegen den Iran, gegen Nordkorea. Von weaponized finance und financial warfare ist in der internationalen Publizistik die Rede. Auch die EU (siehe ihre Assoziationspolitik in der Ukraine) und China (siehe sein Konzept der "Neuen Seidenstraße" im Norden und der "Maritimen Seidenstraße" im Süden) sind fasziniert von der Geldmacht-Doktrin.

Wirtschaftliche Sanktionen treten als strategische Instrumente zur Machtsicherung und Machtdurchsetzung an die Stelle der Drohung mit militärischer Schlagkraft. Billionen ersetzen Divisionen; ökonomische Zwangsmaßnahmen drängen die klassischen geopolitischen und geostrategischen Abwehr- und Strafaktionen in den Hintergrund; wichtiger als Beistandspakte und Militärallianzen werden Handelsabkommen. TTIP und TTP, das transatlantische und das transpazifische Projekt handelspolitischer Blockbildung unter Führung der USA, sind jedenfalls auch aus dieser Warte zu beurteilen.

Obamas Finanzminister Jack Law macht kein Hehl daraus. Hier sei ein "neues Schlachtfeld für die Vereinigten Staaten", erklärte er jüngst – "ein Schlachtfeld, das uns erlaubt, denen entgegenzutreten, die uns übelwollen, ohne unsere Truppen ins Feuer zu schicken".

Die neue Linie ergibt sich aus einem einleuchtenden Grund: Die Vereinigten Staaten sind nach fünfzehn Jahren gescheiterter Interventionspolitik nicht mehr willens, rund um die Welt militärisch einzugreifen, wo immer die Dinge aus dem Lot geraten sind – die Europäer aber sind nicht in der Lage dazu. Wirtschaftskrieg anstelle von bewaffnetem Konflikt bietet sich da als Lösung an. In Kants Sprache: Geldmacht statt Heeresmacht.

Die Frage ist freilich: Kann die Finanz- und Handelswaffe wirklich funktionieren?

Mag sein, dass die einschneidenden Folgen der Sanktionen den Iran an den Verhandlungstisch gezwungen haben, aber vielleicht hätte das Land sich auch aus anderen, inneren Gründen zu Gesprächen bequemt – und noch steht eine Einigung ja aus.

Russland aber? Die Sanktionen haben bisher nur sehr begrenzte Wirkung gezeigt, verstärkt allerdings durch den gefallenen Erdölpreis und den Absturz des Rubels. Zugleich jedoch haben sie Putins Popularität erhöht. Seine Politik erfreut sich der Zustimmung von 86 Prozent des Volkes, das den Westen für seine unerfreuliche Lage verantwortlich macht. Die Sanktionen haben den russischen Präsidenten bisher nicht veranlasst, im Ukraine-Konflikt auch nur ein Deut von seiner Linie abzuweichen.

Kein Wunder, dass nun der Ruf nach einer Verschärfung der Sanktionen laut wird: weitere Visumserschwerung, vor allem jedoch Russlands Ausschluss aus dem Brüsseler Swift-System, dem internationalen Transaktionsnetz von mehr als 10.000 Banken, in dem Moskau nach wie vor am weltweiten Nachrichten- und Zahlungsverkehr teilnimmt. Dies wäre die nächste Stufe der Eskalationsleiter. Nicht zu Unrecht schrieb Michael Stürmer dazu in der Welt: "Die Steigerung der Sanktionen … bringt wachsende Risiken und Nebenwirkungen. Wie weit die Geschlossenheit des Westens reicht, möchte man nicht bis zum Bruchpunkt testen."

In der Tat. Die Interessen gehen da selbst innerhalb der EU weit auseinander. Ein Wirtschaftskrieg brächte nicht nur Russland in Schwierigkeiten, er hätte auch fatale Auswirkungen auf uns selbst. Wollen wir uns, um es mit einer englischen Redensart auszudrücken, wirklich die Nase abschneiden, um unser Gesicht zu ärgern?

Auch amerikanischer Druck wird die Europäer schwerlich dazu veranlassen. Vielmehr wird er sie erzürnen, wie schon die Milliardenstrafen sie erzürnt haben, die Washington EU-Unternehmen aufbrummte, weil sie sich nicht an die US-Sanktionen gegen Sudan, Iran und Kuba gehalten haben.

Undenkbar, dass sich die Wege der transatlantischen Partner hier trennen? Keineswegs. Was vergangene Woche passiert ist, sollte die Verantwortlichen in Washington zum Nachdenken bringen: Nach England haben auch Deutschland, Frankreich und Italien alle amerikanischen Mahnungen in den Wind geschlagen, sich nicht an der von China vorangetriebenen Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank zu beteiligen – einem Konkurrenz-Unternehmen zur Weltbank und zu der Asiatischen Entwicklungsbank. Ohne Zweifel ist es auch ein Instrument von Chinas eigener Geldmacht-Politik, die dem Reich der Mitte eine finanzielle und kommerzielle Einflusssphäre in Südostasien und Zentralasien sichern soll. In erster Linie jedoch ist es eine Reaktion darauf, dass der amerikanische Kongress eine Reform der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds seit Jahren blockiert. Da die Chinesen dort keinen angemessenen Platz finden, bauen sie eben Parallelstrukturen auf. Die Europäer machen mit, weil sie lieber von innen Einfluss nehmen als von außen Steine darauf zu werfen. Und weil sie nicht von Amerika in eine Konfrontation mit China hineingezogen werden wollen.

Eine sichere Sache ist die neue Geldmacht-Srategie denn auch keineswegs. China erlebt das bereits in einigen afrikanischen Staaten; und in Sri Lanka hat die neue Regierung eben Pekings Idee der "Maritimen Seidenstraße" eine Absage erteilt. Ähnlich haben sich die Vereinigten Staaten über die Gefolgschaftstreue der Europäer Illusionen gemacht. Was die Amerikaner für eine schädliche "Anpassung" an die Chinesen – sprich: appeasement – halten, sehen ihre EU-Partner ganz anders: als eine reale Möglichkeit, Asiens Wirtschaftswachstum zu befördern und zugleich die Chinesen in ein globales Regelsystem einzubinden, anstatt sie durch Abseitsstehen und Gegenhalten zu ermuntern, ihr eigenes Parallelsystem ungestört immer weiter auszubauen.

Ganz das zuverlässige Kriegswerkzeug, wie es Immanuel Kant sich vorgestellt hat, ist die "Geldmacht" also wohl doch nicht. Interessen bestimmen auch seinen Einsatz.