Als Frank-Walter Steinmeier in der Nachmittagssonne vom Kapitolshügel in Washington herunterlief, da hatte er selbst miterlebt, was Außenpolitik im mächtigsten Staat der Erde so schwierig macht. Die Elite der USA zerreißt sich über die großen Fragen der Weltpolitik.

Im Kapitol hatte der deutsche Außenminister mit US-Senatoren gesprochen, von denen einige das Gegenteil dessen wollen, was die amerikanische Regierung macht. Kein Abkommen mit dem Iran, keine Verhandlungen zwischen Russen und Ukrainern in Minsk, kein Geld für den internationalen Kampf gegen die Dschihadisten in der Levante.

In einem wohl beispiellosen Vorgang hatten 47 republikanische Senatoren einen Brief an den Iran geschrieben und gewarnt, dass ein Abkommen mit dem Ausscheiden von Präsident Obama aus dem Amt 2017 wertlos würde. Die Senatoren wollen die Sanktionen gegen den Iran auf keinen Fall aufheben. So hat noch keine US-Opposition die Außenpolitik torpediert.

Steinmeier gab sich alle Mühe, in Washington zu überzeugen: Auf dem Kapitolshügel ebenso wie bei einem Vortrag im Center for Strategic International Studies CSIS. In einem kühl temperierten Saal versammelten sich Außenpolitikexperten der Hauptstadt – und man hatte fast den Eindruck, sie erholten sich von den hochgereizten Debatten in Amerika bei Steinmeiers Vortrag.

In Washington glauben viele konservative Abgeordnete nicht ans Reden mit Moskau, sondern setzen auf Waffen an Kiew. Steinmeier hielt dagegen und warnte, "man kann nicht unterschiedliche Strategien zur gleichen Zeit anwenden". Jetzt sei die Zeit der Verhandlungen. Steinmeier verurteilte – in klarer Sprache – "die Aggression" Russlands, der man "nicht nachgeben" werde. Moskau wende "alte Rezepte von Machtpolitik und Einschüchterung" an. Das Land fordere die internationale Ordnung und die westlichen Werte heraus. Das Vertrauen sei sehr gering. Da nickten viele in Washington. 

Steinmeier wirbt für Friedensdiplomatie

Doch bei den Antworten liegen die Unterschiede. Steinmeier sagte, zwischen "bedeutungslosem Reden mit Moskau" und militärischen Lösungen lägen viele Möglichkeiten diplomatischen Eingreifens. Er mahnte zu "strategischer Geduld". Für die Europäer sei Russland eben ein Nachbar und kein ferner Störenfried auf einem anderen Kontinent. Der Minsker Prozess habe gerade erst begonnen, man sei mit dem Zeitplan in Verzug, aber die schweren Waffen wurden tatsächlich zurückgezogen.

Als ein Teilnehmer ihn fragte, wann es denn mit der Geduld möglicherweise vorbei sei, wurde Steinmeier sehr konkret. "Sollten die Separatisten (die ostukrainische Hafenstadt, d.R.) Mariupol einnehmen, dann befinden wir uns nicht mehr im Prozess von Minsk", sagte er und fügte hinzu: "Dann sind wir mit der Normandie-Strategie gescheitert." Das Normandie-Verhandlungsformat umfasst Deutsche und Franzosen, Russen und Ukrainer.

Solange Mariupol nicht fällt

Eine klare Botschaft an Putin und die Separatisten – aber auch eine Selbstverpflichtung zum Handeln, sollte Mariupol fallen. Wiederholt kam es in den letzten Tagen zu Scharmützeln zwischen Separatisten und Ukrainern vor Mariupol. Man darf auch davon ausgehen, dass der russische Präsident Putin die Idee einer Landbrücke zur Krim nicht verworfen hat. Genau das aber wollen die Deutschen und Amerikaner verhindern.

In Washington hat Steinmeier einen engen Verbündeten, Außenminister John Kerry. Die beiden sehen sich fast im Wochenrhythmus bei Ukraine-Sitzungen, Iran-Verhandlungen und anderen Krisenrunden in Europa. Doch jetzt in Washington konnten sie einmal länger bei einem Abendessen miteinander sprechen. 

Die beiden standen im obersten Stockwerk des State Department vor Stuckwänden und rotweißen Säulen. Kerry dankte den Deutschen und Franzosen für ihren Einsatz um eine Beilegung des Konflikts in der Ukraine. Dann kündigte er die Lieferung von nicht-tödlichem Gerät in die Ukraine an: Transportfahrzeuge, Schutzhelme, auch Überwachungsdrohnen in Höhe von insgesamt 75 Millionen Dollar.

Steinmeier verzog bei dieser Aufzählung keine Miene. Die US-Regierung, das weiß er, vertraut noch auf das Minsker Abkommen. Die Regierung in Washington überlässt Merkel und Steinmeier weite Teile des diplomatischen Feldes in der Ukraine. Und sie widersteht den Aufrüstungsrufen aus dem Kongress. Zumindest solange Mariupol nicht fällt.