© Nicole Sturz

Rund 300.000 Menschen könnten dieses Jahr in Deutschland Zuflucht vor Krieg, Verfolgung, Armut, Naturkatastrophen und Elend suchen. Vielleicht, sagen manche Flüchtlingsexperten, sind es sogar Hundert- oder Zweihunderttausend mehr. Und schon sprechen viele von "Flüchtlingswelle" und "Ausländerflut".

Wie kommt es, dass gerade einmal 300.000 Hilfe suchende Menschen in einem wohlhabenden Land von rund 80 Millionen Einwohnern derart unbedachte und falsche Äußerungen wie "Welle" und "Flut" hervorrufen können? Wie kommt es, dass gerade einmal ein knappes halbes Prozent an vorübergehenden oder dauerhaften Zuwanderern derartige Emotionen und Ängste weckt?

Natürlich nicht bei allen Deutschen, wahrscheinlich noch nicht einmal bei der großen Mehrheit. Die Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge ist zum Glück enorm, in fast allen Städten gibt es Vereine, die sich der Asylbewerber annehmen und sie mit offenen Armen empfangen. Auch spenden die Deutschen sehr großzügig.

Und doch füllt vor allem die Angst die Schlagzeilen – und das nicht nur, weil sie schlagzeilenträchtiger ist als die Demonstration der Mitmenschlichkeit.

Unmut beschränkt sich nicht auf Deutschland

Der Unmut über die weitere Aufnahme von Flüchtlingen beschränkt sich auch keineswegs auf Rechtsextremisten oder auf diffuse Bewegungen wie Pegida. Im vornehmen Hamburger Stadtteil Harvestehude zum Beispiel versuchten einige betuchte Nachbarn, mithilfe der Gerichte die Umwandlung einer ehemaligen Bundeswehrliegenschaft in eine Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber zu verhindern. Ihre perfiden Argumente: Die Grundstückspreise würden sinken, überdies sollte man die armen Flüchtlinge doch nicht so unmittelbar mit dem Wohlstand konfrontieren und der Weg zu einem Supermarkt mit für sie erschwinglichen Preisen sei viel zu weit.

Der Unmut beschränkt sich auch keineswegs auf Deutschland. Trotz Pegida, Mahnwachen und Aufmärschen äußert er sich oft weit virulenter in einigen Nachbarländern und treibt rechten Parteien die Wähler in Scharen zu. Von der italienischen Lega Nord und dem französischen Front National über die österreichische FPÖ und die niederländische Partei für die Freiheit bis zur britischen Unabhängigkeitspartei UKIP und der Partei Wahre Finnen: Sie alle schüren die Angst vor der Einwanderung – und profitieren von ihr.

Alle Gesellschaften fürchten sich vor dem Zuzug fremder Menschen. Die Angst, sich nicht mehr heimisch zu fühlen, teilen zu müssen, Identität und liebgewonnene Gewohnheiten zu verlieren, wohnt den Menschen inne und ist so alt wie ihre Existenz. Und selbstverständlich gelangen mit den Flüchtlingen nicht nur gute, redliche Menschen ins Land. Unter ihnen sind immer auch einige Kriminelle, Versager und Nichtsnutze.

Selbst klassische Einwanderungsgesellschaften wie die Vereinigten Staaten von Amerika blicken auf eine zum Teil sehr leidvolle und von Gewalt geprägte Einwanderungsgeschichte zurück. Die englischen Siedler wollten keine irischen Migranten und beide keine Deutschen. Die Protestanten wehrten sich gegen die Katholiken, die Katholiken gegen die Juden und so weiter. Auch die Millionen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten in den Westen fliehen mussten, wurden von ihren eigenen Landsleuten nicht überall willkommen geheißen. Vielerorts stießen sie auf Ablehnung und Hass.

Reibungsflächen, Ungereimtheiten, Widersprüche

Und nun: Proteste selbst gegen gerade einmal 300.000 Flüchtlinge in einem 80-Millionen-Einwohner-Land? Ebenso wenig wie diese Zahl fallen auch die Kosten für die Unterbringung gesamtwirtschaftlich ins Gewicht. Wegen der Flüchtlinge bekommt kein Arbeitsloser, kein Sozialhilfeempfänger und kein Rentner auch nur einen Cent weniger.

Doch bisweilen scheint es: Umso wohlhabender das Land, umso ausdifferenzierter und ausgeklügelter das Wohlfahrts- und Regelsystem, desto größer die Verlustängste, die Verwerfungen und die Verteilungskämpfe. Hier entstehen Reibungsflächen, Ungereimtheiten und Widersprüche. Darum entsteht auch hier eine besondere Verantwortung für Politik und Gesellschaft.

Nur ein Beispiel: So ist der Bund zwar für die Asylverfahren und damit – zum Teil – auch für deren lange Dauer verantwortlich. Aber die Länder und Kommunen müssen die Flüchtlinge in dieser Zeit unterbringen und speisen. Kein Wunder, dass sich einige Gemeinden allein gelassen und überfordert fühlen. Eine bessere Verteilung der Lasten wäre hier dringend notwendig.

Chancen für Deutschland ausloten

Keine Frage, das alternde Deutschland braucht Einwanderer – und zwar für fast alle Sparten. Deshalb wird derzeit auch ein neues Einwanderungsgesetz diskutiert, mit dessen Hilfe und einem komplizierten Punktesystem dringend benötigte Arbeitskräfte schneller Einlass in Deutschland finden sollen.

Doch warum schaut man nicht erst einmal unter jenen Flüchtlingen nach, die aufgrund unserer humanitären und rechtlichen Verpflichtungen bereits hier sind und jede Woche neu kommen? Warum prüft man nicht, wie viele von ihnen, unabhängig von dem Fluchtgrund, dauerhaft bleiben sollten, weil Deutschland sie braucht? Warum nutzt man nicht ihre bereits vorhandenen Kenntnisse oder qualifiziert sie zusätzlich für eine Arbeit hierzulande? Zu viele Flüchtlinge müssen immer noch viel zu lange tatenlos herumsitzen.

Würde man ihre Fähigkeiten einsetzen, würde man sie weiterbilden, qualifizieren und integrieren, dürften die Flüchtlinge gleich mit anpacken – dann würde sich wahrscheinlich auch ihr Bild in der Gesellschaft Schritt für Schritt verändern.